Angela Merkel ist mit sich zufrieden
Weniger spannend als erhofft läuft bisher das Erinnerungs-Schaulaufen von Altkanzlerin Angela Merkel (CDU). In ihrem Buch „Freiheit“, das heute Abend im Deutschen Theater seine Premiere feiert, und in Merkels begleitenden Äußerungen lassen sich bislang so gut wie keine kritischen Selbstreflexionen zu den großen Linien ihrer Kanzlerinnenschaft erkennen – weder bezüglich der jahrelang vernachlässigten Infrastruktur oder der kaum mehr kontrollierten Zuwanderung, noch bei der von ihren Regierungen zementierten deutschen Abhängigkeit von Russland. Statt Selbstkritik liest man in Merkels Memoiren (Vorabdruck via „Zeit“ hier, Tagesspiegel-Rezension hier) zur Politik gegenüber dem europäischen Aggressor: „Russland, nuklear hochgerüstet, existierte. Es war und ist geopolitisch nicht wegzudenken.“
Ihr Nachfolger Olaf Scholz (SPD), der gestern nach quälender Debatte als erneuter Kanzlerkandidat seiner Partei nominiert wurde, versucht diese Linie offenbar fortzusetzen, wie seine Pressekonferenz am Montag im Willy-Brandt-Haus zeigte. Aus Sicht von Scholz stehe in Sachen Ukraine-Krieg nun zur Wahl, „ob man sich darauf verlassen kann, dass da im Kanzleramt wieder jemand sitzt, der sich nicht unter Druck setzen lässt und in dieser Frage die Nerven behält“. Auf den Kreml scheint diese Art Besonnenheit aber bislang nicht auszustrahlen.