Vorzeigeprojekt oder Steinwüste? Heftige Debatte über Neugestaltung des Gendarmenmarkts
Kaum eröffnet, schon hagelt es Kritik: Der frisch sanierte Berliner Gendarmenmarkt ist vielen zu grau und kahl. Doch der Senat feiert ihn als „Musterbeispiel für nachhaltige Stadtentwicklung“. Von Christian Latz und Sönke Matschurek.
kaum ist der Gendarmenmarkt wieder offen, kennt die Kritik an der Platzgestaltung keine Grenzen. Im Netz hagelt es Wut und Spott darüber, dass der Platz trotz Klimawandel einer Steinwüste gleicht. Micky Beisenherz vergleicht den Gendarmenmarkt mit einem Steinvorgarten, Aktivist Heinrich Strößenreuther erkennt darin eine „Stadtglatze“. Und der frühere Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet wundert sich darüber, dass auf dem Platz selbst in der Kaiserzeit noch Raum für Rasenflächen waren: „Es ist weder aus ästhetischen, denkmalpflegerischen noch aus klimaresilienten Gründen zu begreifen.“
Wieso auch eine große, schattenfreie Steinfläche? Wie so oft in Berlin hängen immer irgendwie fast alle mit drin: Die Planungen mit großer Bürgerbeteiligung starteten 2009. Stadtentwicklungssenatorin war noch Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und von mehr Grün auf dem Platz keine Rede. Auch nicht, als das Thema ab 2016 zur damaligen Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) wechselte. Sie übertrug Planung und Sanierung schließlich 2018 an die GrünBerlin, die dort eher den Namen GrauBerlin erhalten sollte. Als Ex-Kultursenator Klaus Lederer (Linke) den Platz 2021 schließlich als „hervorragend überliefertes Zeugnis eines städtebaulichen Großprojektes der DDR“ unter Denkmalschutz stellte, waren die Bauvorbereitungen längst im Gange.
Die Umweltverwaltung von Senatorin Ute Bonde (CDU) sieht darin heute dennoch „ein Musterbeispiel für nachhaltige Stadtentwicklung“, erklärt Sprecher Michael Herden. „Im Sinne der Schwammstadt“ werde alles Regenwasser unterirdisch gesammelt und uns Grundwasser abgegeben. Zuletzt brauche es aus Denkmalschutzgründen und für die Events auf dem Platz „eine offene Platzstruktur mit freien Sichtachsen“.
Auch Landeskonservator Christoph Rauhut findet den neuen Platz „gelungen“, sagt er dem Checkpoint. „Ich finde die Grundsatzentscheidung richtig, dass der Gendarmenmarkt ein städtischer Platz bleibt.“ Zudem ließen sich zu wenige Grünanlagen in Berlin wirklich so pflegen, dass sie auch grün blieben. „Wo Grünflächen sind, ist es oft eher Braun als Grün.“
Nicht jeder Platz könne alles leisten, meint Mittes Verkehrsstadtrat Christopher Schriner (Grüne). „Werden wir hier in Zukunft eine hohe Aufenthaltsqualität bei hohen Temperaturen haben? Ja, aber nicht für einen langen Aufenthalt und zu jeder Tageszeit.“ Klingt fast wie eine kaputte Uhr. Die geht auch immerhin zweimal am Tag richtig.
Ganz und gar nicht, findet Kollege Henning Onken und kommentiert, der Gendarmenmarkt sei „auch in Zukunft attraktiv“. Und was sagen Sie?