Warum ein Berliner Unternehmer nun doch keinen Notkredit haben will
Erst sollte er vier Wochen auf die „Soforthilfe“ warten, dann trotz Kontaktsperre persönlich bei der IBB erscheinen. Jetzt hat der Berliner Unternehmer einen verärgerten Brief geschrieben. Von Lorenz Maroldt
Ein anderes Juristen-Sprichwort lautet: „Vor Gericht braucht man drei Säcke, einen mit Papier, einen mit Geld und einen mit Geduld“. Und diese drei Säcke brauchen auch Berliner Mittelständler in der Corona-Krise vor dem Kreditgericht der IBB. Ein Berliner Unternehmer (Web-Agentur, vor 20 Jahren gegründet, knapp 30 MA) beschreibt in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister und den IBB-Vorstand seine Erfahrungen beim Versuch, einen der offerierten „Soforthilfe“-Kredite zu beantragen (hier gekürzt):
1) Der Antrag: „Aufwand an Bürokratie für Online-Antrag ist erschreckend.“ Aufgrund überlasteter Server gelang der Durchbruch „endlich in der Nacht zum 26. März um 3:30 Uhr“.
2) Die Rückmeldung: Nach einer Woche zwei Nachfragen, „die wir sofort beantworten konnten“.
3) Die Bewilligung: „Am 8. April endlich die vermeintlich erfreuliche Nachricht, dass uns ein Darlehen in Höhe von 330.000 Euro bewilligt wird.“
4) Die Bedingungen: „Für den Erhalt des Darlehens ist ein persönlicher Termin notwendig, der erst 14 Tage nach Genehmigung möglich ist.“
5) Die Absicherung: Die GmbH hat zwei Hauptgesellschafter. „Wir wurden nun als Privatpersonen aufgefordert, beide jeweils per SEPA-Mandat eine Bürgschaft in Höhe von 330.000 Euro abzugeben.“
6) Das Fazit: „Das bedeutet, die IBB sichert sich insgesamt mit der doppelten Darlehenshöhe bei zwei Privatpersonen ab“ – aus der Gesellschaft mit beschränkter Haftung wird eine mit privater Haftung. Und: „Eine Soforthilfe ist ein vierwöchiger Prozess, der nur durch einen Präsenztermin abgeschlossen werden kann in einer Zeit, in der jeglicher Kontakt zwischen den Menschen vermieden werden soll.“
7) Ende: „Wir lehnen das Darlehensangebot hiermit ab und werden stattdessen notfalls unser privates Geld in das Unternehmen investieren, das uns am Herzen liegt. Denn auch bei Ihrem Angebot wäre es ja am Ende unser Geld und somit sparen wir uns alle ein paar Papiere.“
Soweit der Brief an Michael Müller und den IBB-Vorstand.
Bei den Zuschüssen erst für Solounternehmer und Kleinstunternehmen, später auch für Kulturbetriebe (30 Mio) und Mittelständler (je 25.000 im Durchschnitt, insg. 75 Mio) lief es in Berlin ganz gut – auch wenn die Trittbretter, auf denen sich die unberechtigten Absahner und Betrüger drängelten, alleine schon wegen der Verstöße gegen das Abstandsgebots hätten geräumt werden müssen. Große Firmen wie die Lufthansa gelten ohnehin als „systemrelevant“ und diktieren dem Staat die Bedingungen, zu denen sie sich retten lassen. Der Senat ist stolz auf die positive wirtschaftliche Dynamik der vergangenen Jahre. Dafür verantwortlich waren im wesentlichen Berliner Unternehmen mit mehr als zehn MA (bis 250), die jetzt um Kredite kämpfen und um ihr Überleben – und um die Arbeitsplätze von 1,3 Mio Beschäftigten in Berlin (die Steuern zahlen, in Kiezläden kaufen, Kneipen und Restaurants besuchen, ins Theater und zu Konzerten gehen...).