„Ich dachte, Vielfalt und Diversität sind mehr als Floskeln für meine Grünen“

Özcan Mutlu kritisiert die Liste der Berliner Grünen für den Bundestag. Spitzenkandidatin Jarasch sieht sich einem weiteren Diskriminierungsvorwurf ausgesetzt. Von Anke Myrrhe

„Ich dachte, Vielfalt und Diversität sind mehr als Floskeln für meine Grünen“
Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen) steht bei den kommenden Wahlen nicht mehr auf der Bundestagsliste. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Apropos Diskriminierung: Falls Sie das Wochenende noch im wohlverdienten Winterschlaf verbracht haben, hier exklusiv eine Kurzzusammenfassung der Landesdelegiertenversammlung der Grünen: Spitzenkandidatin Bettina Jarasch wäre als Kind gern „Indianerhäuptling“ geworden, die A100 soll zurückgebaut werden (zumindest ein bisschen), Wohnungskonzerne vielleicht doch ein bisschen enteignet, die SPD ist „ein Rendezvous mit der Vergangenheit“ und Jarasch muss noch viel lernen. Vor allem in Sachen Kommunikation.

Dass die Spitzenkandidatin mit der Häuptlingsaussage am Wochenende die meiste Aufregung verursachte, zeigt einerseits den Grad der Aufregung in der Debatte um diskriminierungsfreie Sprache. Andererseits allerdings auch den Grad ihrer eigenen Unsicherheit. Dass Parteichef Werner Graf ihr nach gut fünf Monaten Wahlkampf im Plauderton die Auftaktfrage stellte, wer sie denn eigentlich sei („Stell dich doch mal vor!“), mögen manche sympathisch gefunden haben, doch auch in der eigenen Partei steigt die Nervosität angesichts eines Bekanntheitsgrates von zuletzt 24 Prozent. Vielleicht war der Aussetzer ja auch ein genialer Coup, um endlich mal auf dem Titel der B.Z. (heute) zu landen. Schlechte Presse soll es ja angeblich gar nicht geben.

Jarasch entschuldigte sich später mit dem Hinweis, es habe sich um „unreflektierte Kindheitserinnerungen“ gehandelt und: „Auch ich muss noch viel lernen.“ Kapitel abgeschlossen, könnte man denken, wenn da nicht die am Sonntag beschlossene Bundestagsliste wäre, die einige Zweifel an der Ernsthaftigkeit des parteieigenen Diversitätsanspruchs aufbringt. Gewählt wurden (in dieser Reihenfolge): Lisa Paus, Stefan Gelbhaar, Renate Künast, Andreas Audretsch, Nina Stahr, Laura Dornheim, Annkatrin Esser, Juliana Wimmer und Bernd Schwarz. Allein Juliana Wimmer hat eine Migrationsgeschichte, doch auch sie verlor zunächst die Abstimmung um Listenplatz 7 und rückte auf 8.

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu (der schon die Nominierung in Mitte gegen Hanna Steinmüller verloren hatte), scheiterte gleich zweimal und findet sich nun gar nicht mehr auf der Liste. „Ich dachte Vielfalt und Diversität sind mehr als Floskeln für meine Grünen, bei denen ich seit fast 30 Jahren für Gleichberechtigung und Vielfalt kämpfe“, sagte Mutlu am Abend. „Beschlüsse auf Papier reichen nicht aus.“ Immerhin über die Frauenquote kann sich niemand beschweren. Außer vielleicht ein paar Männer.