Spontane Klassikkonzerte in Prenzlauer Berg

„Die Menschen brauchen positive Begeisterung“, sagt Bariton Günther Stolarz. Mit Pianistin Isabel Schumann musiziert der Pandemie-Tröster im öffentlichen Raum. Von Robert Ide

Spontane Klassikkonzerte in Prenzlauer Berg
Foto: Robert Ide

Er breitet die Arme aus und schmettert seine Stimme über die Straße, an der sich mit anständigem Abstand und verwunderter Bewunderung immer mehr kleine Hausstand-Grüppchen sammeln. „O sole mio“, ein Liebeslied voller Leidenschaften, schallt über den Platz an der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Günther Stolarz durchbricht als Bariton die Stille, die sich in Corona-Zeiten über das kiezstädtische Leben legt. Begleitet wird er von seiner Partnerin Isabel Schumann am fix aufgestellten Klavier – beide begeistern die schnell Stehenbleibenden mit launigen Liedern im Lockdown. In unregelmäßiger Regelmäßigkeit treten sie auf – als private Pandemie-Tröster im öffentlichen Raum. Ein Trost auf dem Pflaster.

„Eigentlich wollte ich Entertainer werden und habe Kabarett gemacht“, erzählt Stolarz am Checkpoint-Telefon. Der 41-Jährige wohnt mit seiner nicht nur musikalischen Begleiterin und ihrem sechs Wochen alten Baby, das den Auftritten schlafend im Kinderwagen beiwohnt, gleich um die Ecke. Nach Schließung der Konzertbühnen und Musiktheater haben sie ihre Kunst nach draußen verlagert – und ernten Applaus, Spenden und Dankbarkeit. „Die Menschen brauchen gerade Trost für die Seele und positive Begeisterung.“

Irgendwann nach der Pandemie will Stolarz gar nicht mehr nur noch drinnen auftreten. „Draußen kann ich beim Singen über die Straße laufen, da klingt der Schall zwischen den Häusern anders. Ich kann den Raum mehr ausfüllen, meine Stimme darf volle Tube geben.“ Und nebenbei können die lauschenden Menschen Abstand halten, denn Schumann und Stolarz treten vor allem auf größeren Plätzen im Berliner Norden auf – am kommenden Sonntag bei gutem Wetter wohl am Helmholtzplatz. Gerade spontanes Publikum braucht Platz: „Wenn ich merken würde, dass die Menschen zu eng stehen, würde ich aufhören, zu singen“, erzählt Stolarz. „Aber bisher war das nie der Fall.“

Und tatsächlich, beim Spontankonzert am Sonntag vor der Gethsemanekirche (Video hier) herrschte eine mit Abstand rührende, spontan berührende Stimmung. Denn die Kostenlos-Klassik ist zugänglich für alle. So wirbt die Kultur für sich selbst, zeigt mit hohen und tiefen Tönen, wie gewichtig sie ist – gerade in schwierigen Zeiten. Deshalb hat Stolarz wieder sein Lieblingslied im Programm: „An die Musik“ von Franz Schubert. Hören wir mal rein und gerne öfter zu:

„Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,

Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,

Hast du mein Herz zu warmer Lieb' entzunden,

Hast mich in eine bessre Welt entrückt!“