Künstler befragen Ältere zur Pandemie

Und wie geht es den Menschen gerade? „Man hat wie eine kleine Fessel am Bein, weil man nicht weiß, ob man als nächster dran ist“, sagt Inge aus Lichtenberg. Die 87-Jährige spricht über ihre Ängste und ihre Einsamkeit im Archiv der lebenden Toten, das ein Künstlerkollektiv um die Regisseurin Romy Weyrauch gerade erstellt. „Wir fragen junge und ältere Menschen, die vom Virus besonders bedroht sind“, erzählt Weyrauch am Checkpoint-Telefon. Ein Theaterstück soll im Kunstzentrum Hellerau in Dresden und möglichst auch auf der digitalen Bühne im Berliner Hau aufgeführt werden. Aber so lange das nicht möglich ist, erzählen Menschen mit Vorerkrankungen oder Behinderungen und eben alte Leute, wie sie mit der Corona-Gefahr umgehen – und wie sie sich jetzt mit dem Tod beschäftigen. „Wir wollen etwas benennen, was normal ist, aber derzeit in Statistiken versteckt wird: dass wir sterblich sind“, sagt Weyrauch.

Die 37-Jährige, die zuletzt in Zusammenarbeit dem Tagesspiegel das Erinnerungsstück „Als die Mauer fiel mit Jugendlichen entwickelt hatte, will nun Blicke auf die älteren Menschen lenken – und gemeinsam mit anderen Künstlern zeigen, wie verletzlich wir gerade alle gemeinsam sind. „Niemand sollte sich anmaßen, zu sagen, welches Leben mehr wert ist. Aber wenn uns unsere Gemeinschaft etwas wert ist, muss der Einzelne sich zurücknehmen“, sagt Weyrauch. Jeder Einkauf mit richtig sitzender Maske sei nun ein politischer Akt, das selbstverständliche Umarmen von Menschen verliere sich in Verantwortung für andere. Es geht gerade nicht nur um Dich und mich. Sondern auch um Inge aus Lichtenberg, die sagt: „Wenn ich das Virus bekäme, würde ich sagen: Damit hat sich die Sache. Ich möchte nicht beatmet werden.“