Keine Kohle für Kamelle
Kein „Helau“ und „Hejo“ auf Berliner Straßen: Der Karnevals-Umzug fällt dieses Jahr aus. Die Trachtenträger fühlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen. Von Robert Ide
glänzen Ihre Augen schon? Berlin jedenfalls funkelt. Am Potsdamer Platz wird bereits Glitzer verkauft (biologisch abbaubar; für 9.90 Euro) – aber nur wegen der Berlinale. Mit Funken gefeiert wird dagegen mit großem Helau und Hejo im Verborgenen: beim Berliner Karneval. „Für die tollen Tage ziehen wir in unsere Hofburg, das Hotel Berlin, Berlin am Lützowplatz“, verrät Klaus Heimann, Präsident der Berliner Karnevalsverbands und in diesem Jahr als Klaus I. auch Prinz von Berlin. Leider fühlt sich der König des köllschen Kalauers nicht genug gewürdigt in Neukölln und den umliegenden Dörfern. Und über die letzte jeckische Residenz, das Hostel auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft, wurde auch nur berlinisch rumgemeckert. „Es wird Zeit, dass man uns anerkennt und fördert wie den Karneval der Kulturen“, fordert Klaus I. am Checkpoint-Telefon. Etwas verändern will er trotzdem nicht am närrischen Vertreiben der neuen Zeit; Brauch ist Brauch – egal, wer’s braucht.
Einen Berliner Karnevalsumzug gibt es mangels Kohle für Kamelle auch in diesem Jahr nicht. Schon die letzten sind – wegen hoher Lärmschutz- und Sicherheitsauflagen – in die Spree gefallen; dabei waren einst immer mindestens 300.000 lustige Leute dabei. So steht es jetzt zumindest bei Wikipedia (entdeckt vom Bot @bundesedit). In dem Online-Lexikon war zuletzt noch von 10.000 Besuchern die Rede gewesen – „ich weiß nicht, wer das da eingetragen hat“, entrüstet sich Heimann, der zugibt, „das jetzt mal korrigiert zu haben“. Nicht mal der Regierende Bürgermeister habe Zeit für die Sorgen der Trachtenträger, die die Sorgen anderer mit Frohsinn zu vertreiben trachten. Für seine trächtigen Tage hat Heimann immerhin genug Zeit; der gebürtige Kölner ist im Bundestag in der Verwaltung angestellt. Er kann deshalb Ausfallstunden nacharbeiten und mal fünf Wochen lang fünfe gerade sein lassen. In Berlin nimmt ihm das sowieso keiner krumm.
Die Hauptstadt hält uns sowieso auch ohne Karneval zum Narren – braucht es dafür wirklich einen Fasching? Stimmen Sie hier ab und Berlin um. Damit die Stadt bald noch mehr Funken schlägt.