Tritt Müller doch nochmal an?
Eigentlich wollte der Regierende das Rote Rathaus im kommenden Jahr verlassen. Jetzt spielt er plötzlich auf Zeit – zu Lasten von SPD-Hoffnungsträgerin Giffey. Von Lorenz Maroldt
Normalerweise macht ein Verfallsdatum einen Politiker zur „lame duck“ – doch seitdem Michael Müller seinen Abgang als SPD-Landesvorsitzender angekündigt hat, wird er zum Überflieger. Im Aufwind der Krise kreist er über der Stadt und freut sich über die immergleiche Frage: Tritt er etwa doch noch mal an als Kandidat fürs Amt des Regierenden Bürgermeisters?
Einer, der Müller dabei kräftig warme Luft unter die Flügel wedelt, ist sein alter Gefolgsmann Robert Drewnicki. Wie ein sprechendes Werbeplakat haut der Strategiechef in der Senatskanzlei eine Jubelstanze nach der anderen heraus. Ein Interview Müllers in der „taz“ z.B. feiert Drewnicki bei Twitter gerade andächtig so: „Authentisch. Ehrlich. Nachdenklich. Politisch. Und hat noch was vor.“ Aber was?
Bert Schulz fragt im „taz“-Interview vorsichtig, mit Bezug auf Angela Merkel: „Gab es auch bei Ihnen konkrete Anfragen, dass Sie noch mal als Spitzenkandidat der SPD antreten?“
Müller: „Franziska Giffey und Raed Saleh werden für den SPD-Landesvorsitz kandidieren. Die anderen Fragen spielen zu einem späteren Zeitpunkt eine Rolle.“
Schulz verweist auf die verpasste Möglichkeit, in einem „Lanz“-Interview „alles klar zu machen“, stattdessen habe Müller alles offen gelassen. „Warum?“
Müller: „Ich habe etwas entschieden für den Parteivorsitz. Und damit – ich mache mir ja nichts vor – gibt es auch eine Diskussion um die Situation im Roten Rathaus. Das ist okay, aber noch ist nichts entschieden.“
Schulz: „Was treibt Sie denn?“
Müller: „Es macht einfach Spaß, wenn man spürt, da geht noch was – da hören Sie bei Ihrer Arbeit doch auch nicht morgen auf!“
Streng genommen hält sich Müller an die mit Giffey und Saleh für die Kommunikation nach außen verabredete Sprachregelung (erst das eine, dann das andere). Doch was auffällt: Raed Saleh weicht einer Antwort auf die Frage nach der Spitzenkandidatur stoisch aus (wie gerade wieder im Tagesspiegel-Interview), Müller dagegen gibt sich genussvoll sybillinisch – auch wenn sich die Interviews der vergangenen Wochen wohlwollend als Abschlussbilanz oder Vermächtnis lesen lassen.
Der Regierende kokettiert – oder taktiert. Oder beides. In der Partei jedenfalls wächst die Unruhe wieder, manche sind auch schwer genervt. Und die vergangene Woche begann fast mit einem Eklat. Es tagte der geschäftsführende Landesvorstand mit den Kreisvorsitzenden, auch Franziska Giffey war dabei. Top-Thema: Die Orga für einen zweiten Parteitag im Dezember (voraussichtlich am 12.12.) nach der Kür der neuen Landesvorsitzenden am 31. Oktober. Alle dachten, es geht um die Plätze für die Bundestagswahl und die Spitzenkandidatur. Doch Müller ließ erkennen: Was den zweiten Punkt betrifft, hält er den Mai 2021 für besser geeignet, seine Begründung: Da ist es sicherer, wegen Corona und der Raumsituation.
Mai 2021 – da hätte Giffey als Spitzenkandidatin nur wenige Wochen für ihren Wahlkampf. Kopfschütteln in der Runde. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch, Tenor der Giffey-Seite: Es ist doch sowieso alles klar, nur für die Presse werde die Geschichte offengehalten. Die interne Verabredung für die Spitzenkandidatur laute, Giffey macht’s – da müsse man doch hier nicht so tun, als ob… aber da sagte Müller: „Ja, es gibt eine Verabredung – für den Parteivorsitz.“ Und Giffey saß da wie versteinert.
Müller spielt offenbar auf Zeit. Zumindest kann er so seine Chance auf Listenplatz 1 für die Bundestagswahl verbessern – wenn er nicht überzieht.
Für die Morgenpost öffnete der Regierende am Sonntag sein privates Fotoalbum. Schule, Ausbildung, Tempelhof, die Druckerei des Vaters und ein Kindertraum, der zur Überschrift wird: „Der verhinderte Astronaut“. Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Das sind die Abenteuer des Raumschiffs Rathaus, erzählt von Theodor Storm: „Junge“, sagte der gute alte Mond, „hast du noch nicht genug?“ – „Nein“, schrie Häwelmann, „mehr, mehr!“. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so dunkel, dass man es ordentlich mit Händen greifen konnte. „Leuchte, alter Mond, leuchte!“ schrie Häwelmann, aber der Mond war nirgends zu sehen und auch die Sterne nicht; sie waren schon alle zu Bett gegangen.