„Für Schulungen bleibt keine Zeit“

Erstkontakt? Egal! In den Gesundheitsämtern wissen die Mitarbeiter inzwischen weder ein noch aus – und einige offenbar auch nicht, was Sache ist. Ein Erfahrungsbericht aus Wilmersdorf. Von Anke Myrrhe

„Für Schulungen bleibt keine Zeit“
Foto: Reichwein/imago

In den Gesundheitsämtern wissen die Mitarbeiter inzwischen weder ein noch aus – und einige offenbar auch nicht, was Sache ist, wie das Beispiel von Stephan und Anne L. aus Wilmersdorf zeigt. Als er vor zwei Wochen von der Corona-Infektion eines engen Kollegen erfuhr, war ihm sofort klar, dass er als Erstkontakt in Quarantäne musste. Doch wie sollten sich seine Frau und der vierjährige Sohn verhalten?

Auskunft vom Gesundheitsamt: Kein Problem, sie soll zur Arbeit gehen. Anne L. ist Erzieherin. Weil ihr das komisch vorkam, fragte sie in ihrer Kita nach: Nein, sie könne nur zu Hause bleiben, wenn das Gesundheitsamt eine Quarantäne-Pflicht anordne. „Sonst könnte ja jeder jederzeit zu Hause bleiben“, habe die Kitaleitung gesagt. Es folgte ein Pingpong zwischen Gesundheitsamt und Kitaleitung: Kein Erstkontakt, keine Quarantäne. Ihrem Mann ging es am nächsten Tag nicht gut, trockener Husten, Hitze, Schläfrigkeit, das Innere des Körpers fühle sich gruselig an, sagt Stephan L., der in seiner Quarantäne auf einen Test wartete.

Anne L. wollte in dieser Unsicherheit keinesfalls in die Kita, also nahm sie zwei Tage frei, ließ sich krankschreiben. Als Erzieherin bekam zumindest sie schnell einen Test und zwei Tage später das Ergebnis: negativ. „Aber wegen der Inkubationszeit sei das kein sicheres Ergebnis, sagte man mir.“ Vier Tage später bekam auch Stephan L. endlich sein Ergebnis: positiv. Anne L. und der kleine Sohn waren zu diesem Zeitpunkt schon wieder in der Kita.

Sie rief beim Gesundheitsamt an, mehrfach, immer dieselbe Antwort: Das passt schon, gehen Sie zur Arbeit. War sie denn nun nicht auch ein Erstkontakt? Erst am nächsten Tag erreichte sie eine Mitarbeiterin, die sofortige Quarantäne anordnete. Sie entschuldigte sich: Es gebe so wenig Personal, dass inzwischen Hinz und Kunz eingestellt würden. „Für Schulungen bleibt keine Zeit.“