Was vor 20 Jahren visionär war, ist es heute nicht mehr
Erst explodieren die Kosten für das Prestigeprojekt, jetzt zweifelt die Umweltverwaltung an der Funktionstüchtigkeit der Filteranlage. Aus der Traum vom Baden in der Spree? Von Lorenz Maroldt
… aber wir springen gleich weiter ins nächste Gewässer, und das ist der Spreekanal. Am Sonnabend hatten wir hier exklusiv berichtet, mit welchen Tricks die Stadtentwicklungsverwaltung die tatsächlichen Kosten des Traums vom Flussbad zwischen Humboldt-Forum und Bode-Museum verschleiert – jetzt stellt sich heraus, dass es in der Umweltverwaltung Zweifel gibt, ob die vorgesehene Filterung überhaupt funktioniert. Der geplante Eingriff ist tatsächlich gewaltig: Der Kanal wird trockengelegt, vor die alten Ufermauern kommt eine zweite Mauer zur Abstützung – auf morastigem Grund. Die Betonbauer freuen sich schon, und folgerichtig bekam das Projekt bereits zweimal einen „Holcim Award“, finanziert vom gleichnamigen globalen Baustoffunternehmen.
Skeptisch ist auch das Lageso – in einer Stellungnahme zum geplanten Modell heißt es: „Eine Umleitung des Mischabwassers ohne Behandlung und Wiedereinleitung im weiteren Flussverlauf halten wir für nicht mehr zeitgemäß, da durch eine reine Ableitung keine Verbesserung des ökologischen Potentials des Gewässers erfolgt.“ Mit anderen Worten: ein teures Prestigeprojekt ohne breiten Nutzen. Um die Berliner Gewässer sauber zu bekommen, müssen die Einleitungen reduziert werden – das geschieht beim Flussbad aber gerade nicht. Und zurück zu den Kosten: Für den Düker gibt es auch noch keine Kostenprognose.
Vor zwanzig Jahren war die Idee eines Flussbads visionär – heute geht sie nicht voran, sondern baden, auch wenn die Koalition sich davon berauschen ließ. Und was beim Blick auf die beteiligten Stellen auffällt: Die Wasserbetriebe, zuständig für das Abwasser, spielen kaum eine Rolle – obwohl klare Flüsse ihre Aufgabe wären. Und wer ist alles beteiligt? Der Bund, das Land, mehrere Senatsverwaltungen, der Bezirk, die Anlieger… und wir sehen: Behördenpingpong lässt sich auch im Brackwasser spielen – aber es ist ein teurer Spaß.