Warum Jarasch nach der Sachsen-Anhalt-Wahl zuversichtlich ist
Die Berliner Grünen-Spitzenkandidatin über die Wahlchancen ihrer Partei, ihren Lebenslauf, und warum Berlin weiter ist als Sachsen-Anhalt. Von Anke Myrrhe
Ähnliche Zahlen weist das Wahlergebnis der Grünen in Sachsen-Anhalt aus, sorry, fiese Überleitung, Statistik-Profis würden jetzt sagen: doppelt so viel! Also gut: 5,9 Prozent fuhren die Grünen mit dem Fahrrad nach Hause, nur minimal gewonnen (0,7 Prozentpunkte) trotz der vermeintlichen Bundesrückenwindkraft. Hauptsache die Fünf steht, schien sich die Berliner Spitzenkandidatin Bettina Jarasch kurz nach 18 Uhr am Sonntag zu denken und twitterte: „Der Zugewinn von @GRUENE_LSA zeigt, dass unsere Themen wie Klimaschutz mittlerweile in allen Regionen fest verankert sind.“ Grün geframed ist halb gewonnen.
Also noch mal nachgefragt: Frau Jarasch, kann dieses Ergebnis wirklich als Erfolg gewertet werden? „Die Grünen haben sich ein bisschen verbessert, wenn auch weniger als erwartet“, sagte Jarasch dem Checkpoint. In Sachsen-Anhalt hätten viele Menschen aus Sorge vor der AfD die CDU gewählt. „Das kann ich gut verstehen.“ Mit Berlin habe das aber wenig zu tun: „Berlin tickt anders, die Herzen der Menschen ticken nicht rechts. Hier sind wir der deutliche Gegenpol zur AfD. Wir können einen Wahlkampf über Inhalte führen.“
Während die Bundesgrünen sich angesichts des erfolgreichen Wahlergebnisses weniger ums Klima kümmern wollen (oder zumindest darüber sprechen), sieht Jarasch dieses Problem für Berlin nicht: „Wir treten mit dem Anspruch an, uns um die ganze Stadt zu kümmern.“ Die große soziale Frage sei hier die Wohnungsfrage „und die spielt bei uns eine sehr große Rolle. Wir sind ja hier in sämtlichen Themen unterwegs.“ Anders ausgedrückt: „Wir passen zu dieser Stadt, wir sind die Berlin-Partei.“
Na, darüber können die Berlinerinnen und Berliner glücklicherweise selbst entscheiden. Klar ist aber auch, dass Benzinpreisdebatten auch den 70 Prozent der Stadtbevölkerung stinken könnten, die außerhalb des S-Bahn-Rings wohnen. Es grüßt Renate Künast, die mit Tempo-30-Fantasien einst Klaus Wowereit zu einer weiteren Amtszeit verhalf (mehr zu Künast unten im Zitat). „Wir sind nach der Benzinpreisdebatte nicht mit Mails geflutet worden von empörten Autofahrern“, sagt Jarasch, die während des Interviews tatsächlich auf dem Fahrrad sitzt. „Meine Zuversicht gründet sich darauf, dass die Debatten sich weitergedreht haben. Wir müssen heute nicht mehr über Tempo 30 sprechen, die Stadt ist weitgehend eine Tempo-30-Zone, ohne dass es jemanden stört.“ Das merke sie auch beim Thema A100: „Die Debatte, die wir heute führen, wäre vor 10 Jahren undenkbar gewesen. Heute fühlt es sich für viele nicht mehr richtig an, eine Betonschneise durch die Stadt zu bauen, wo wir Grünflächen und Wohnungen brauchen. Wir kriegen da viel Zuspruch.“
Ach so, und die offenbar wichtigste Frage derzeit für eine grüne Spitzenkandidatin soll der Vollständigkeit halber auch noch gestellt werden: Ist Ihr Lebenslauf aktuell? Antwort: „Es ist alles öffentlich einsehbar.“ Es kommentiert Franz Beckenbauer (vom grasgrünen Flügel): Schaun mer moi, dann sehn mer scho.