Der Verteilungskampf hat gerade erst begonnen
Spätestens im Winter wird Energie knapp. Was dagegen garantiert nicht hilft: eine hanebüchene Handlungsempfehlung der IHK. Ein Kommentar aus dem Checkpoint von Daniel Böldt
Viel war am gestrigen Tag von Solidarität die Rede. Um 15 Prozent wollen die EU-Mitgliedsstaaten ihren Gasverbrauch senken, um die drohende Energieknappheit in Grenzen zu halten. Dass dabei auch jene Staaten mitmachen, die nicht so sehr vom russischen Gas abhängig sind wie Deutschland, kann man in der Tat als starkes Zeichen der EU gegen Putins Erpressungsversuch werten (auch wenn es viele Ausnahmen gibt). Leider wird durch so eine Ankündigung noch kein einziger Kubikmeter Gas gespart. Irgendwann und irgendwo muss es also konkret werden. Auf was sollen Bürger:innen im Detail verzichten? Welche Unternehmen sollen im Ernstfall wie viel Gas sparen? Die Debatte wird kommen, und sie wird nicht schön werden.
Ein Vorgeschmack: Am Montag sagte der neue Chef der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Jan Eder, dem RBB: „Wir müssten eigentlich die Schwimmbäder schließen und den Leuten sagen: Ihr müsst jetzt in den See springen, um Gas zu sparen.“ Außerdem nahm er die Bürger:innen in Pflicht: „Was nützt es, wenn mein Badezimmer nach wie vor mollig warm ist, ich aber meinen Arbeitsplatz verloren habe.“ Wo der IHK-Chef die rund 800 Mitarbeitenden der Berliner Bäder-Betriebe in dieser Rechnung einordnet, bleibt sein Geheimnis.
Der Vorstand der Berliner Bäder-Betriebe will Eders Vorschlag erst einmal nicht kommentieren. Ein Sprecher des Unternehmens, das übrigens Mitglied der IHK Berlin ist, sagte am Checkpoint-Telefon lediglich: „Wir müssen als Stadt einen Konsens erzielen. Den erreichen wir nicht, wenn wir anfangen, auf einzelne zu zeigen und sagen: Du sollst zuerst sparen.“ Der Verteilungskampf, er hat längst begonnen. Und noch ist es warm draußen.