Neuköllner Direktor versorgt Schüler selbst

Die Krise beim Schulessen, die auch durch eine verspätete Auftragsvergabe ausgelöst worden sein soll, hat harte soziale Folgen, wie Stephan Witzke zu berichten weiß. Der 45-Jährige leitet die Lisa-Tetzner-Schule in Neukölln und ist Vorsitzender des Verbands Berliner Grundschulleitungen. Im Checkpoint-Interview mit meiner Kollegin Margarethe Gallersdörfer berichtet er über die Wärme, die ein warmes Essen für Kinder gibt.

Herr Witzke, auch Ihre Schülerinnen und Schüler sind von den Mangelleistungen des Schulcaterers „40 Seconds“ betroffen. An einem Tag wurde wegen einer Küchenschließung an mindestens 80 Schulen gar kein Essen geliefert. Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?

Wir haben zusammen mit einer anderen Neuköllner Schule deren Kontakt zum Kaufland in der Nähe genutzt und haben Verpflegung für 400 Kinder geholt, auch mithilfe der Mitarbeiter dort. Es wurden für uns Börek, Brezeln, Geflügelwürstchen, Kartoffel- und Nudelsalat zusammengestellt, welche wir innerhalb von zwei Stunden abholen konnten.

Den Schulen wird in dieser Situation gesagt, sie sollen die Kosten vorstrecken, der Caterer erstattet das dann. Wie viel haben Sie ausgegeben?

Das hätte für den einen Tag ungefähr 2000 Euro gekostet – veranschlagt haben wir 5 Euro pro Portion, Kaufland hat uns aber nur 1 Euro, also insgesamt rund 400 Euro berechnet. Ich habe jetzt bis zum Dezember noch knapp 8000 Euro übrig im Schulbudget – Papier, Bücher, alles ist teurer geworden. Insofern fand ich diese Idee des Schulträgers erst einigermaßen absurd. Mittlerweile hat das Schulamt mir aber persönlich zugesichert, dass wir auf den Kosten nicht sitzen bleiben. An den Schulbudgets ist schon genug gekürzt und einbehalten worden.

Warum ist es so wichtig, dass das Mittagessen an einer Schule wie Ihrer nicht einfach ausfällt?

Wir sind als Schule ein Ort der Grundversorgung, das schließt Essen mit ein. 80 Prozent unserer Kinder beziehen Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket, kommen also aus armen Familien. Die kommen morgens mit einer leeren oder überschaubar gefüllten Brotdose in die Schule, oder manchmal kriegen sie fünf Euro in die Hand gedrückt und holen sich damit beim Discounter um die Ecke eine Tüte Chips. Wenn dann noch das gewohnte Mittagessen ausfällt, ist das schon sehr gravierend. An manchen Tagen gab es Kinder, die gesagt haben: „Ich hab‘ so einen Hunger.“ Und das ist einfach furchtbar.

Was haben Sie dann gemacht?

Wir haben mit Frischkäse auf Knäckebrot und dem Handobst, das manchmal immerhin geliefert wurde, irgendwie versucht, uns über den Tag zu retten. Wir hatten auch Glück, dass es meistens noch recht warm war – da ist der Hunger ja etwas geringer ausgeprägt, und die Kinder wollen eh lieber draußen spielen als in die Mensa zu gehen. Wir haben natürlich darum gebeten, dass die Eltern mehr einpacken, aber das gelingt nicht allen.