„Vor Freude geweint“: Was die Solidarität in Berlin für die Menschen im Iran bedeutet
80.000 Berliner kamen am Wochenende zur Demo für einen freien Iran. Was das den Menschen im Iran konkret bringt? Wir haben nachgefragt. Hier sind ihre Stimmen. Von Julius Betschka
wer sich am Wochenende mit offenen Augen durch Berlin bewegt hat, kam kaum an ihnen vorbei: den vielen Gruppen mit den grün-weiß-roten Flaggen, den Farben des Irans. Laut Veranstalter haben am Samstag bis zu 100.000 Menschen im Regierungsviertel für einen freien Iran und gegen das Mullah-Regime in Teheran demonstriert. Das sind womöglich mehr Menschen gewesen, als die Stadt Tübingen Einwohner zählt (dazu später mehr). Getragen wurde der Protest vor allem von Exil-Iranern aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Unter Tränen sangen die Menschen an gegen den brutalen Gottesstaat (Video hier).
Was aber hilft ein Marsch durch Berlin den mutigen Menschen im Iran, werden Sie vielleicht fragen. Sollte ich als Nicht-Iraner überhaupt mitprotestieren? Oder ist das gratismutig? Steckt hinter unserer Solidarität mit dem feministischen Kampf der Frauen (und Männer) sogar ein kolonialer Blick, wie es kürzlich in der „taz“ zu lesen war? Ich habe die im Iran geborene Berliner Abgeordnete Gollaleh Ahmadi und die Journalistin Gilda Sahebi nach ihrem Eindruck von der Demonstration befragt und dazu, was das Ganze für die Menschen im Iran bedeutet. Hier sind ihre Antworten – ausnahmsweise ungekürzt:
Gollaleh Ahmadi schreibt: „80.000 Menschen aus ganz Europa haben bei einer riesigen Demonstration am Samstag ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht. Viele – auch Journalist:innen – glauben, dass solche Aktionen viel zu weit weg sind vom Iran und keine Wirkung haben. Dagegen möchte ich einen lieben Menschen aus Teheran zitieren: „Ihr habt uns einen Motivationsbooster verpasst, wir haben gestern die Bilder aus Berlin gesehen und vor Freude geweint!“ Und darum geht es: Dass die Menschen, die dort jeden Tag für Demokratie und Selbstbestimmung ihr Leben riskieren, merken, dass wir hier sie sehen und hören, dass uns ihr Leid erreicht und wir Anteil nehmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Iraner:innen im Ausland vor Repressionen geflohen sind. Es ist auch ihr Kampf für Freiheit, um ihre Heimat und ihre Lieben im Iran wiedersehen zu können.“
Gilda Sahebi schreibt: „In meinen Gesprächen mit Menschen in Iran frage ich oft: Kriegst du mit, wie hier über die Proteste geredet wird? In Deutschland, in Europa, in Kanada? Und alle sagen: Ja! Zu wissen, dass der Kampf der Iraner:innen Menschen in Deutschland nicht nur interessiert, sondern dass sich die Gesellschaft hier sogar solidarisiert, gibt ihr Mut, so sagte es eine Protestierende. Ein iranischer Schriftsteller sagte mir am Tag nach der großen Demo in Berlin, dass er die Videos und Bilder der Menschenmassen gesehen hat. „Möge eure Hand nicht weh tun“, sagte er. Eine persische Redewendung, mit der man Dankbarkeit ausdrückt. Auf eine sehr liebevolle Art und Weise.“
Selbst das iranische Staatsfernsehen berichtete über die Berliner Demonstration: Es habe einen Protest von 10.000 Menschen in Berlin gegeben, der sich gegen die hohen Benzinpreise gerichtet hätte, hieß es dort. Diese angeblichen Benzin-Demonstranten riefen: „Tod Chamenei“. Und wer lügt, hat Angst.