Nach Israel-Erklärung: Berliner Musiker Andrej Hermlin will Linke verlassen
Nach dem Terrorangriff auf Israel plant der engagierte Swingmusiker seinen Parteiaustritt. Im Gespräch erklärt er die Beweggründe und kritisiert den Antisemitismus vieler Linker in Deutschland. Von Robert Ide
Andrej Hermlin ist der bekannteste Swingmusiker Berlins und als politisch engagierter Kopf der Kulturszene bekannt. Aufgewachsen in Ost-Berlin in einer kritischen sozialistischen Familie mit jüdischen Wurzeln – sein Vater war der bekannte Schriftsteller Stephan Hermlin, seine Mutter stammte aus der Sowjetunion – mischt sich der Pianist bis heute in politische Debatten ein.
1990 trat Hermlin in die damalige PDS ein, die sich inzwischen Die Linke nennt. Nach dem Terrorangriff auf Israel will der 58-Jährige nun die Partei verlassen. Im Checkpoint-Interview, geführt telefonisch während seines Aufenthalts in seiner zweiten Heimat Kenia, erklärt er die Beweggründe und kritisiert den Antisemitismus vieler Linker in Deutschland.
Herr Hermlin, Sie wollen nach mehr als 30 Jahren die Partei Die Linke verlassen. Warum gerade jetzt?
Noch bin ich nicht ausgetreten. Meine Bedingung dafür, in der Partei zu bleiben, lautet, dass der Parteivorstand seine Erklärung zum Angriff auf Israel zurücknimmt. Sie reiht sich leider ein in eine große Anzahl von Erklärungen der Partei und ihr nahestehender Organisationen, die antisemitisch sind.
Indem Israel eine Mitschuld an den Terroranschlägen auf unschuldige jüdische Bürgerinnen und Bürger gegeben wird, wird der bestialische Krieg der Hamas gegen das jüdische Volk relativiert. Dies ist meine Sollbruchstelle. Ich erwarte allerdings nicht, dass die Partei sich kritisch mit ihrer eigenen Erklärung befasst. In diesem Fall werde ich in den nächsten Tagen austreten.
Wie erklären Sie sich den oft auftretenden Antisemitismus auf linker Seite?
Es handelt sich hier um ein grundsätzliches Problem der Linken in Deutschland. Man verwechselt angebliche Bündnispartner und vergisst dabei die Menschlichkeit. Israel wird von vielen Linken als imperialistischer Staat dargestellt und die Palästinenser als Befreiungsbewegung. Dabei ist der Staat Israel aus einer Befreiungsbewegung heraus entstanden, einer Rettungsbewegung für die Menschen nach der Shoa.
Dagegen sind die Hamas, die Fatah und die Hisbollah, unterstützt vom Iran, reine Terrororganisationen. Sie unterdrücken Frauen, hängen Schwule an Baukränen auf, schlachten Unschuldige auf Musikfestivals ab. Das Ziel dieser Organisationen ist die Vernichtung der Juden, das sagen sie auch ganz offen. Es ist mir unbegreiflich, wie man als Linke dafür Sympathien oder Verständnis entwickeln kann.
Wie erleben Sie selbst die dramatische Kriegslage im Nahen Osten?
Ich bin gerade mit meiner Frau in Kenia. Eigentlich wollten wir hier Urlaub machen, aber ich hänge nur am Telefon. Drei meiner Cousins leben in Israel, sie sind schon mehrfach angegriffen worden. Die rechtsgerichtete Regierung in Israel offenbart schon länger Schwächen. In diesem Moment wird das Land angegriffen, um es militärisch und politisch zu zerstören. Es sind die schlimmsten Massaker seit der Shoa – aber gerade in Deutschland relativieren das viele.
Wir haben hier viele arabische Mitbürger, die Israel hassen. Und es gibt viele Deutsche mit antisemitischen Einstellungen, die sich plötzlich mit Palästinensern verbunden fühlen, von denen sie sonst nichts wissen wollen – weil es gegen Israel geht. Mich macht das traurig, bitter, wütend.
Wenn Sie sich in Berlin bewegen und Konzerte geben – begegnet Ihnen dann oft Antisemitismus?
Ich bin kein ängstlicher Mensch und fühle mich nicht bedroht. Ich habe einen jüdischen Vater, bin aber selbst nicht religiös, trage keine Kippa und gehe nicht in die Synagoge zum Beten. Dennoch höre ich oft antisemitische Bemerkungen. Von denen gab es übrigens schon zu DDR-Zeiten sehr viele. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern, gebe Contra.
Ich werde immer meine Haltung zeigen und das Recht jüdischer Menschen auf ihr Leben verteidigen. In Krisen zeigen Gesellschaften ihr wahres Gesicht, Menschen ebenso. Ich möchte zu den Menschen zählen, die ihre Haltung nicht verlieren.