Bahnsteigmusiker Rudi im Gespräch: „Solange die Sonne scheint, bleibe ich in Berlin“
Wenn man Glück hat, erwischt man Straßenkünstler Rudi an einem Ringbahn-Stopp. Dort spielt er Klassik oder Popmusik auf seinem Klavier. Im Interview spricht der Prager über sein bewegtes Leben. Von Robert Ide
Was gibt Halt in dieser Zeit? Manchmal schon der nächste Halt der Ringbahn. Wenn man Glück hat, sitzt dort gerade Rudi und spielt Klassik oder Popmusik auf seinem Klavier, das er mit einem Einkaufswagen hierher gerollt hat. Der 56-Jährige ist derzeit wohl Berlins bekanntester Bahnsteigmusiker (Fotos hier) – im Checkpoint-Gespräch erzählt er nun seine Geschichte.
Rudi, wann haben Sie das erste Mal Klavier auf einem S-Bahnsteig gespielt?
Es war an der Frankfurter Allee, vier Monate ist es her. Ich hab‘ Musik gemacht und die Menschen haben mir zugelächelt. Ein Mann fragte: Warum spielst du nicht öfter? Ich war neu in Berlin und hatte gar kein Zuhause. In den ersten Wochen habe ich auf einer Matratze an der Brücke der Schönhauser Allee geschlafen. Dann sprach mich ein Mann von der Kirche an und gab mir einen Bungalow zum Wohnen an der Greifswalder Straße. Da lebe ich, wenn ich in Berlin bin.
Wo kommen Sie denn her?
Ich bin ein tschechischer Roma. Ich lebe in Prag, da wohnen auch meine Mutter und meine beiden Schwestern. Aber ich habe dort viel Rassismus erlebt, man kriegt dort als Roma keine Wohnung und keinen Job. Auf der Straße wurde ich beschimpft, wenn ich gespielt habe. Einmal kam ein Tourist aus Berlin und sagte: Komm doch lieber nach Berlin! Also habe ich mich mit meinem Klavier in den Zug gesetzt und hier angefangen.
Seit wann spielen Sie Klavier?
Ich habe seit zwei Jahren ein Piano, habe mir jeden Ton selbst beigebracht. Vor drei Wochen ist in Berlin leider mein Piano kaputtgegangen, als mich ein betrunkener Autofahrer an der Greifswalder Straße angefahren hat. Ich war auch verletzt. Eine Frau hat den Unfall gesehen. Sie sagte zu mir: Ich kann dir mein Piano geben für 200 Euro. So viel Geld hatte ich nicht, da hat sie es mir für 100 verkauft. Jetzt spiele ich darauf. Ich schiebe das Piano mithilfe meiner Frau meist zur Prenzlauer Allee, wenn ich zur S-Bahn will. An der Greifswalder Straße ist gerade der Fahrstuhl kaputt.
Wie reagieren die Menschen in Berlin?
Hier ist es kosmopolitisch. Die meisten Leute sind freundlich und geben etwas Geld. Ich hab‘ natürlich meine Musik umgestellt. In Prag habe ich Karel Gott intoniert, hier spiele ich romantische Liebeslieder und ein paar 90er-Jahre-Hits. Am Anfang hat mich immer die Security von den Bahnhöfen verscheucht. Aber inzwischen kennen mich die meisten schon. Und wenn es ein Problem gibt, fahre ich eine Station weiter und spiele dort.
Was möchten Sie einmal im Leben machen?
Ich möchte arbeiten gehen und Geld verdienen. Und im Winter will ich zurück nach Prag, dort ist meine Heimat, da habe ich meine Freunde. Aber solange die Sonne scheint, bleibe ich in Berlin.