Berliner DRK-Chef Mario Czaja im Interview: „Müssen uns auf größere Schadenslagen vorbereiten“
Der frühere Gesundheitssenator berichtet über Einsätze im Krisengebiet, die Versorgung Betroffener und notwendige Lehren für den Katastrophenschutz in Berlin nach dem Stromausfall. Von Robert Ide.
Die ganze Zeit im Krisengebiet unterwegs war Mario Czaja, der in Berlin das Deutsche Rote Kreuz leitet. Der frühere Gesundheitssenator und CDU-Generalsekretär spricht im Checkpoint-Interview über wichtige Lehren aus dem Blackout.
Herr Czaja, wie haben Sie die Tage im Krisenmodus wahrgenommen?
Das Zusammenspiel der Hilfsorganisationen mit Feuerwehr und Polizei hat gut funktioniert, wir hatten zeitnah einen guten Überblick und unsere Aufgaben im Griff. Am Samstagmittag wurde noch die Evakuierung von 40 bis 50 Pflegeeinrichtungen sowie eines Krankenhauses befürchtet, das war aber dann zum Glück nicht notwendig. 150 Ehrenamtliche von allen Hilfsorganisationen haben rund um die Uhr die Menschen in Betreuungseinrichtungen versorgt. Wir hatten auch Kontakt zu Pflegeeinrichtungen mit freien Plätzen und hätten noch Möglichkeiten gehabt, mehr hilfsbedürftige Menschen aufzunehmen.
Was ist nicht gut gelaufen im Krisenfall?
Alle Beteiligten wissen längst, dass wir ein Umsetzungsproblem beim Katastrophenschutz haben. Das muss schnellstmöglich behoben werden. Wir haben es seit einiger Zeit mit einer neuen Form des Präzisionsterrorismus zu tun, von wem auch immer der gesteuert wird. Bei solch gezielten Anschlägen auf unsere Infrastruktur müssen wir uns im Zweifel auf noch größere Schadenslagen gut vorbereiten. Aus der jetzigen Großlage müssen zeitnah Schlussfolgerungen gezogen werden, das hat nicht viele Monate Zeit.
Was ist am dringendsten?
Krisenstäbe müssen schnell gebildet werden. Alle Beteiligten müssen untereinander vernetzt sein, und zwar digital. Wir wissen das aus zahlreichen Übungen. Es muss klar geklärt werden, wer für was verantwortlich ist und wie genau die Abläufe sind. Wir brauchen einen besseren Gesamtüberblick über Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Behörden hinweg, wie viele Menschen in Berlin im Katastrophenfall schnell aktivierbar für Hilfe sind. Berlin ist bei dem Stromausfall mit einem blauen Auge davongekommen und sollte daraus lernen, auch durch Schulungen in den Bezirken. Zum Glück haben wir in der Hauptstadt viel Zugriff auf Bundesressourcen, was die Hilfe angeht. Aber darauf können wir uns nicht verlassen. Im Bund werden drei Euro pro Einwohner für Katastrophenschutz ausgegeben, in Berlin etwas mehr als 20 Cent.
Wie geht es für die Betroffenen jetzt weiter?
Die Großlage ist noch nicht zu Ende, der Krisenstab tagt bis Anfang nächster Woche. Etwa 100 Pflegebedürftige müssen noch in ihre Einrichtungen zurückgebracht werden. Aber dafür muss dort erst einmal alles wieder funktionieren. Und es muss gut durchgeheizt sein.