Berliner Knallfrösche
Eine Zahl allerdings steht: Mehr als drei Böllerverbotszonen wird es hier vermutlich auch in diesem Jahr nicht geben. Vom Berliner Vorschlag des generellen Verbots (Kauf, Verkauf und Zünden) bleibt in der letzten Beschlussfassung vor der Merkel-Schalte nur noch ein Rauchwölkchen des Appells übrig: „Zum Jahreswechsel 2020/2021 wird empfohlen, auf Silvesterfeuerwerk zu verzichten. Auf belebten Plätzen und Straßen wird die Verwendung von Pyrotechnik untersagt, um größere Gruppenbildungen zu vermeiden.“
Welche das sind, muss die örtlich zuständige Behörde bestimmen. Und die will dem Vernehmen nach bei den drei im Vorjahr erprobten Zonen (Alexanderplatz, Brandenburger Tor und Pallasstraße) bleiben, vielleicht noch ein, zwei andere, mutmaßte Müller gestern, musste aber auch hier erst nochmal durchzählen.
Keine fünf Minuten habe man unter den Ländern über diesen Punkt debattiert, sagte Müller grinsend. Was darauf schließen lässt, dass dieser Passus weniger aus Überzeugung als zur Besänftigung der Grünen Koalitionspartner in den Berliner Entwurf gelangt ist, die das Böllerverbot seit Jahren fordern. Schwer verknallt ist hier schon lange niemand mehr.
Aus Berliner Sicht, wo sich Menschen mit Raketen von Balkonen beschießen, mag die Freiheit grenzenlos dumm anmuten, doch ich erinnere mich noch gut an mein Gefühl beim ersten Jahreswechsel in dieser Stadt: Silvestermäßig vor allem in einem Schweizer Bergdorf sozialisiert, wollte ich meinen neuen Mitbewohner mit einer Handvoll harmlosen Heulern kurz nach Mitternacht auf die Schöneberger Straße zerren und blickte in ernsthaft entsetzte Augen. Ich zog allein hinaus mit meinen Knallfröschen und fand da draußen viel zu viele andere – und die waren mit weniger harmlosen Heulern ausgestattet. Seither knallen bei uns nur noch die Sektkorken.
Doch anderswo ist’s eben anders (auch innerhalb Berlins). Und das ist auch gut so. Und egal, ob links oder rechts: Alle sollten sich hüten, die Pandemie für Klientelpolitik zu missbrauchen – sonst knallt’s am Ende an ganz anderen Stellen.