Wie lange bleibt Michael Müller noch im Amt?

Der Regierende Bürgermeister gibt sich im Interview mit der „BamS“ selbstbewusst. Doch tatsächlich demoliert er die Chancen seiner Nachfolgerin. Der Kommentar von Lorenz Maroldt

Wie lange bleibt Michael Müller noch im Amt?
Foto: Michele Tantussi/REUTERS

Michael Müller erreicht die nächste Stufe seiner Karriere – er spricht, wie alle großen Caesaren und Häuptlinge vor ihm, von sich selbst in der dritten Person: „Ein Ministerpräsident, der ohne Skandal mit einer erfolgreichen Bilanz aus dem Amt geht, wird nicht auf einem hinteren Listenplatz kandidieren.“ Gesagt hat’s der Ministerpräsident von Berlin in der „BamS“, wo er auch gleich erklärt, warum das so ist: „Das wäre bundesweit einmalig und wird insofern nicht stattfinden“. Aha. Dabei ist Berlin doch sonst so gerne einmalig… na ja, hoffentlich lesen die Delegierten des Wahlparteitags alle die „BamS“, sonst sind sie am Ende noch völlig verwirrt und vergeben ihre Stimme an wen sie wollen. Da ist das Ende der Demokratie nicht mehr weit.

Tja, und wie soll’s weitergehen, Herr MdB in spe? Welches Ministeramt in einer Bundesregierung hätten Sie denn gern, was wären Sie am liebsten? „Natürlich Wissenschafts- oder Bauminister!“, sagt Müller, und die „BamS“ fügt in Klammern trocken hinzu: „(lacht)“. Alles klar. Und was sagt Müllers Fast-Namensvetter Möller dazu? „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“.

Aber wie lange bleibt der Berliner Ministerpräsident ohne Skandal mit einer erfolgreichen Bilanz denn nun Regierender Bürgermeister? Schauen wir uns mal Müllers SPD-Zeitplan im Herbst 2020 an. Für den 31. Oktober hat er notiert: „Vormittags halte ich eine schöne Rede auf dem Landesparteitag und nachmittags fahre ich zur Eröffnungsfeier“ (gemeint ist die Eröffnung des BER). Am 19. Dezember steht die Wahl der Landesliste für den Bundestag in Müllers Kalender (Ziel: Platz 1, siehe oben). Und im Herbst 2021? Unwidersprochen lässt Müller die Frage-Einleitung der „BamS“ stehen: „Im Herbst 2021 hören Sie als Regierender Bürgermeister auf…“. Das gefällt ihm.

Und Franziska Giffey steht nett lächelnd daneben – so jedenfalls stellt Müller sich das wohl vor. Tatsächlich demoliert er die Chancen seiner Nachfolgerin (und damit der SPD, am Ende wohl auch seine eigenen) jeden Tag mehr. Die wilde Kandidatenkür überschattet Giffeys Start – die Verantwortung dafür trägt Müller, als Regierender und Landesvorsitzender formal einflussreichster Sozialdemokrat Berlins (zum Tagesspiegel-Leitartikel „Chebli gegen Müller: Die enthüllende Kandidatur“ geht’s hier).

Doch da auch Giffey Machiavelli nicht für eine weichgekochte Nudelsorte hält, wird sie kaum lange zusehen (können): Vom 31. Oktober an, nach Müllers „schöner Rede“ und ihrer Wahl zur Vorsitzenden, hat sie es in der Hand, noch vor der Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2021 Regierende Bürgermeisterin zu werden und den Senat in Teilen neu zu besetzen, als Zeichen des Aufbruchs und auch gegen den Willen Müllers, der am 19. Dezember auf Platz 1 der Landesliste will. Die SPD kann es ihr nicht verwehren, Grüne und Linke werden sie wählen oder tolerieren – zwar schlecht gelaunt, aber ohne bessere Option. Nur das Wissenschaftsressort wird Giffey abgeben müssen, so wie andere (in ähnlicher Situation) ihren Doktor-Titel.