Schutz gesucht

„es darf in der deutschen Hauptstadt nie wieder passieren, dass Jüdinnen und Juden wieder in Angst leben. Wir werden mit aller Härte und Konsequenz gegen den Antisemitismus und Volksverhetzung auf unseren Straßen vorgehen“, sagte der Regierende Bürgermeister am Dienstagabend bei Markus Lanz. Gleichzeitig stand eine Hundertschaft der Polizei vorm Holocaust-Mahnmal. Auch am Mittwochabend war das so: Behelmte Polizisten bewachten das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Es ist ein Bild, das diese Stadt so schnell nicht vergessen wird. Die für das Mahnmal zuständige Stiftung geht derzeit von einem ausreichenden Schutz aus. Ob das auch für die jüdischen Menschen in dieser Stadt gilt, ist so unsicher wie lange nicht mehr.

Und die Polizei bereitet sich darauf vor, dass die Ausschreitungen noch lange so weitergehen könnten. Pro-palästinensische Demonstrationen eskalierten auch in dieser Nacht wieder. Steine und Flaschen werden auf Polizisten geworfen, Feuerwerk willkürlich über die Straße geschossen, Müllcontainer angezündet. Es handele sich dabei, um einen „Mix aus justizerfahrenen Islamisten, gewaltgeneigten Jugendlichen und immer noch zahlreichen, zumeist verständnisvollen Vertretern aus der Zivilgesellschaft“, sagte ein erfahrener Beamter.

Die Sicherheitsmaßnahmen an Orten des jüdischen Lebens wurden noch einmal verstärkt, Hilfe aus anderen Bundesländern wird geprüft, die Bundespolizei ist bereits im Einsatz. In den Sicherheitsbehörden wächst die Angst vor einer Lage, die auf Dauer nicht mehr zu bewältigen ist.

Auf die Synagoge in der Brunnenstraße wurden in der Nacht zu Mittwoch Molotowcocktails geworfen. Als Kai Wegner am Nachmittag dort eintrifft, hört er vereinzelte „Free Palestine“-Rufe aus vorbeifahrenden Autos. „Wir werden alles daran setzen, um das jüdische Leben in der Stadt zu schützen“, sagte Wegner. „Das haben wir uns sehr fest vorgenommen.“ Eine Formulierung, aus der man auch Verunsicherung heraushören kann: Hat die Polizei die Lage wirklich im Griff? Kann man dieses Versprechen überhaupt einhalten?

Juden und Jüdinnen in unserer Stadt fühlen sich trotz allem nicht mehr sicher“, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe. „85 Jahre nach der Reichspogromnacht sollen in Deutschlands Hauptstadt Synagogen wieder brennen. Hier liegt es nun auch an der Zivilgesellschaft, sich mit der jüdischen Gemeinschaft zu solidarisieren.“ 

Doch wo bleibt sie, die große Gegenprotestwelle der Zivilgesellschaft? Passiert die Solidarisierung dieser Tage aus Angst im Stillen, im Herzen – oder gibt es sie vielleicht gar nicht? Es ist unerträglich.