Mindestens 80 Tote nach Starkregen-Katastrophe - Lehren für den Hochwasserschutz
Das Hochwasser im Westen ruft Erinnerungen an die große Oder-Flut von 1997 wach. Welche Konsequenzen mussten damals und müssen heute gezogen werden? Von Robert Ide.
Deutschland läuft mit Regen über, und das ist lebensgefährlich. Mindestens 80 Menschen starben durch Wassermassen und einstürzende Häuser nach den Starkregenfällen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, darunter auch neun Bewohner einer Behinderteneinrichtung. Laut einer Eilmeldung am frühen Freitagmorgen beläuft sich die Zahl der Toten nur in Rheinland-Pfalz bereits auf 50 Menschen. Allein im Kreis Bad Neuenahr-Ahrweiler werden noch 1300 Menschen vermisst. In den betroffenen Regionen ist das Handynetz zusammengebrochen. Die Rurtalsperre läuft seit Mitternacht langsam über (alle aktuellen Informationen hier im Liveblog). Rettungskräfte sowie Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr setzen ihr eigenes Leben ein für die Rettung anderer, zwei Feuerwehrleute starben bei Hilfseinsätzen in den Katastrophengebieten. Berlins Feuerwehren sind deshalb mit Trauerflor unterwegs.
Der rasch in die Krisenregion gereisten Politik muss nun endlich gewahr werden, dass Naturgewalten auch menschlich gemacht sind. Versiegelte Flächen und eingeengte Flüsse machen das Wasser schneller und treiben die Pegelstände hoch – so steigen die Gefahren für Gut, Leib und Leben. Die Natur, auch die fließende, braucht ihren natürlichen Platz. Nach den Oder-Fluten 1997 und 2010 hat man in Brandenburg schon dazu gelernt: Flächen rund um den Fluss wurden renaturiert, bei Ratzdorf wurde ein 1500 Hektar großes Überflutungsgebiet auf Ackerland geschaffen. Und 30 Naturschutzorganisationen aus Deutschland, Polen und Tschechien bilden ein Aktionsbündnis „Zeit für die Oder“.
Darüber hinaus wird es Zeit, dem Klima endlich Atempausen zu geben, stärker und schneller gegen die Erderwärmung zu kämpfen – damit irgendwann wieder nicht mehr jeder Sommer tropisch extrem ausfällt. Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der beim Oder-Hochwasser als Krisenmanager berühmt wurde, stellt dazu die einzig wichtige Frage: „Wann fangen wir endlich an, das ernst zu nehmen?“ Flächen für die Natur und Atempausen für das Klima: Wir Menschen müssen sie uns selbst auferlegen.