Neue Studie blickt tief in die Seele Berlins
„Wohin wächst Berlin?“ – Das fragte eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Checkpoint kennt die Antworten bereits und berichtet exklusiv vorab. Von Robert Ide.
Na, was gibt’s heute zu meckern? Nüscht natürlich nicht. Aber keine Sorge: Berlin kann sich auch schön finden. Zwei Drittel der Berlinerinnen und Berliner halten ihre wirtschaftliche Lage für gut, 88 Prozent loben den öffentlichen Nahverkehr, 95 Prozent lieben die vielfältige Kultur- und Kunstlandschaft. Ganz Berlin eine Wolke des Optimismus – wo gibt’s denn sowas? In der neuen Studie „Wohin wächst Berlin?“, die die Friedrich-Ebert-Stiftung heute vorstellt und die wir exklusiv im Checkpoint vorab veröffentlichen. Beruhend auf repräsentativen Befragungen und intensiven Gesprächen mit Fokusgruppen zeichnet sie ein vielfältiges und genaues Bild, das Berlinerinnen und Berliner von sich selbst haben. Ehrlich, aber wahr: Berlin lebt von positiver Grundstimmung, außer beim Thema Corona natürlich. Schauen wir also zum Start in die Woche kurz in die Seele der Stadt.
Die wichtigsten Themen für Berlins Zukunft sind aus Sicht der Berlinerinnen und Berliner (die Befragten konnten zwei Themen nennen) die altbekannt ungelösten: bezahlbare Wohnungen (44 Prozent), ein sicherer Verkehr (30), gute Bildung (18), soziale Gerechtigkeit (17) und mehr Umweltschutz (16). Für die Problemthemen selbst haben die Menschen klare Prioritäten:
+ Wie kommt Berlin zu mehr Wohnungen? 38 Prozent würden in die Höhe bauen, 37 Prozent in den Außenbezirken, auf Grünflächen nur 10 Prozent, auf Kleingartenanlagen 4 Prozent. Berlins Traufhöhe ist in den Köpfen längst gefallen.
+ Mit welchem Verkehrsmittel sind die Menschen überwiegend unterwegs? 38 Prozent und damit eine klare Mehrheit mit dem öffentlichen Nahverkehr, 31 Prozent mit dem Auto, 16 Prozent mit dem Fahrrad (in der Innenstadt beträgt das Verhältnis von Auto und Rad 27 zu 20 Prozent). Für die Verkehrspolitik der alt-neuen Koalition heißt das: Sie muss sich vor allem um Bus und Bahn kümmern.
+ Wann bekommt Berlin bessere Bildung? 50 Prozent finden Berlins Schulen nicht gut gerüstet, 61 Prozent bemängeln zu wenige Kita-Plätze. Die Pandemie hat das Desaster aufgezeigt, das die 25 Jahre von der SPD geführte Bildungsverwaltung hinterlässt – wir hören dazu eine Elternstimme aus den Fokusgesprächen: „Die Schulen sind eine Katastrophe während Corona. Wenn man einen Lehrer hat, der vor der Rente steht, ist man aufgeschmissen. Wir haben jede Woche Arbeitsblätter bekommen und ich musste bis zu sechs Stunden mit den Kindern am Tag daran sitzen.“
Damit sind wir doch noch bei der schlechten Laune, die Berlin zur Selbsterfüllung seiner Klischees braucht: Die Pandemie drückt wellenartig auf die Stimmung. 40 Prozent der Befragten finden, dass sich der Zusammenhalt in der Corona-Krise verschlechtert hat, nur 15 Prozent sehen ihn verbessert. Viele Menschen beklagen zunehmenden Egoismus und eine Ellbogengesellschaft. Andererseits begrüßen die meisten den erzwungenen Anschub für die Digitalisierung und eine gewisse Entschleunigung. Im Homeoffice arbeiten (zumindest teilweise) schon 58 Prozent der Erwerbstätigen, bei Befragten mit höherer Bildung und hohem Einkommen sind es sogar drei Viertel. Berlin will nicht mehr so gehetzt von sich selbst sein. Und vielleicht gehen wir diesen Tag mal so an.
Am Ende des Tages wird heute die Studie vorgestellt, in der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutieren wir ab 18 Uhr mit Meinungsforscherin und Studienautorin Jana Faus, die schon das SPD-Waldebakel 2017 aufgearbeitet hatte, mit Stadtaktivistin Nadja Berseck sowie dem Ganz-Gerne-Weiter-Innensenator Andreas Geisel (SPD) über die Zukunftspläne für Berlin. Sie können die Live-Debatte online verfolgen und Fragen stellen – und zwar hier. Im großen Saal in der Hiroshimastraße 17 sind mit Masken und viel Abstand nur 40 Zuhörerinnen und Zuhörer zugelassen – natürlich nur Genesene und Geimpfte, die zusätzlich gerne getestet sind. Drei Mal zwei Plätze sind noch für den Checkpoint reserviert, also für Sie – schreiben Sie einfach an checkpoint@tagesspiegel.de. Ansonsten sehen wir uns virtuell. Mit Berlins neuem 2G: gut gelaunt.