„Schaut mehr auf Eure östlichen Nachbarn!“: Polen-Expertin über „West-Splaining“ und Deutschlands Desinteresse an Osteuropa

Die in Berlin lebende polnische Politikanalystin Maria Skóra gibt exklusive Einblicke in sich wandelnde Beziehungen – und starre Russland-Bilder in Deutschland. Ein Interview von Robert Ide.
 

„Schaut mehr auf Eure östlichen Nachbarn!“: Polen-Expertin über „West-Splaining“ und Deutschlands Desinteresse an Osteuropa
Foto: Sven Darmer

Eine wichtige Nebenwirkung hat der Krieg: Mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges rückt in Deutschland endlich Osteuropa stärker in den Blick. Die in Berlin lebende polnische Politikanalystin Maria Skóra, Fellow am Progressiven Zentrum, gibt im Checkpoint-Interview einen Einblick in sich wandelnde Beziehungen – und starre Russland-Bilder in Deutschland.

Frau Skóra, Polen hat eine Million Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen und fürchtet im Krieg um die eigene Sicherheit. Wie ist die Stimmungslage im Land?

Die Hilfsbereitschaft in Polen ist unglaublich. Aber natürlich fragen sich die Menschen: Was passiert mit all den Flüchtlingen, wenn der Krieg noch lange dauert? Und: Was macht Russland als Nächstes? Im Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine gibt es viele Wunden: die polnische Kolonialisierung der Ukraine vor hunderten Jahren, die Massaker von ukrainischen Nationalisten in Polen im Zweiten Weltkrieg. Jetzt wachsen wir als Nachbarländer zusammen. Und merken, was für eine starke Nation und Gesellschaft die Ukraine ist.

Die Ukraine wirft Deutschland vor, den Despoten Putin durch Gas- und Ölgeschäfte erst stark gemacht zu haben. Waren die Polen mit Blick auf Russland illusionsloser?

Geschichte spielt in der Gegenwart immer eine wichtige Rolle. Der Krieg erweckt das Trauma des russischen Imperialismus wieder - auch die Angst, dass den Deutschen Russland wichtiger ist als Ost- und Mitteleuropa. Schon die Gaspipeline „Nord Stream 2“ war keine angenehme Perspektive: Deutschland hatte sich mit Russland abgesprochen, ohne die direkten Nachbarn einzubeziehen. Es ist mir auch schleierhaft, wie in der deutschen Politik immer noch versucht wird, Putin zu verstehen. In Polen versucht das keiner, der Krieg tobt an unserer Grenze. Ich höre von meinen Bekannten und Verwandten in Polen: Wir können den Krieg bei uns riechen.

Es gab heftige Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschland in den vergangenen Jahren: über den Umgang mit Flüchtlingen oder die Aushöhlung der unabhängigen Justiz In Polen. Gibt es jetzt eine Chance auf bessere Verständigung?

Die polnische Regierung war viele Jahre extrem deutschfeindlich. Das war Strategie: Die Regierung wollte die Macht im Inneren sichern durch Feinde von außen – die hießen Berlin und Brüssel. Das ändert sich in der Krise jetzt. Aber die Leute sind weiterhin enttäuscht, dass Deutschland so sehr gezögert hat, der Ukraine wirklich zu helfen. 5000 deutsche Schutzhelme für die ukrainische Armee – in Polen klang das wie ein Witz.

Wie kann Deutschland ein besserer Partner für ein sicheres Osteuropa werden?

In Polen und im Baltikum herrschen große Ängste. Aus Russland werden schon Umfragen lanciert, welches Land wohl als Nächstes dran sei: Polen. Deutschland muss seine Perspektive ändern: In Osteuropa sind mehr Leute als im Westen bereit, ihr Leben für die Freiheit zu opfern. Die Ukraine kämpft ums Überleben. Das begreifen einige Deutsche nicht, die sagen, das Land solle sich am besten ergeben. Aber wir in Osteuropa wollen selbst entscheiden und kein von Russland unterjochtes Belarus 2.0 werden. Aus der deutschen Einheit gab es ja den Begriff Besserwessi – ich würde es West-Splaining nennen: dass hier aus Deutschland der Ukraine vorgeschrieben wird, wie sie sich verhalten soll. Es geht den Ukrainern nicht um nationalen Stolz – sondern um Freiheit und Demokratie für die nächsten Generationen. To be or not to be.

Sie leben seit acht Jahren in Berlin. Wie hilft die polnische Community in der Stadt jetzt? 

Alle helfen, wo sie können. Ich bin von Zeit zu Zeit am Zentralen Omnibusbahnhof, da packen viele an, wenn die Busse mit Geflüchteten ankommen – manche übersetzen, weil die Busfahrer meist nur polnisch sprechen. Auch am Hauptbahnhof sind viele Polinnen und Polen engagiert, Institutionen oder auch der Club der polnischen Versager sammeln Spenden für die ukrainische Community. Jede und jeder kann was tun. Und von den Deutschen wünsche ich mir: Schaut mehr auf Eure östlichen Nachbarn! Ich kenne viele Leute, die in Berlin wohnen, aber noch nie in Polen waren. Warschau ist näher als Paris.