So urteilte Holger Friedrich in Stasi-Berichten über NVA-Kameraden

Die Täterakte des Berliner-Zeitung-Verlegers zeigt: Die Stasi sah seinen Dienst als Wiedergutmachung. Friedrich legte Schwachstellen seiner Kameraden offen.

So urteilte Holger Friedrich in Stasi-Berichten über NVA-Kameraden
Foto: Britta Pedersen/dpa

In der „Berliner Zeitung“ wird weiter mit einem Reporterteam und mit externer Expertenhilfe versucht, die aufgeflogene Stasi-Vergangenheit des eigenen Verlegers Holger Friedrich so unabhängig wie möglich aufzuklären. Dass dies nicht einfach ist, zeigt sich in der von der Stasi-Unterlagen-Behörde herausgegebenen Täterakte, die dem Tagesspiegel vorliegt. Darin finden sich durchaus Indizien für Friedrichs Version, dass er zu seinen Spitzeldiensten nach eigenem Fehlverhalten gedrängt worden sei (er gibt den Verdacht einer möglichen Flucht in den Westen an). „Am 30.11.87 erfolgte die Realisierung des Operativvorgangs und Friedrich wurde auf Grundlage der Wiedergutmachung seiner begangenen strafbaren Handlungen kontaktiert“, notierte die Stasi zur Anwerbung. Dies ist die eine Seite, eine von vielen Schichten in Friedrichs Vergangenheit, zu der er sich öffentlich allerdings erst auf Nachfrage und bisher ohne ein Wort zu den Opfern der Stasi bekannt hat. Die andere Seite, die andere Schicht findet sich in den Berichten selbst, die Friedrich zwischen 1987 und 1989 als Unteroffizier der Nationalen Volksarmee und als inoffizieller Spitzel der Stasi mit dem Decknamen „Peter Bernstein“ geschrieben hat.

In einem Bericht über einen Soldaten im Juni 1988 heißt es etwa: „Er hat keine eigene Meinung, ist als relativ primitiv und beeinflußbar einzuschätzen.“ Über einen anderen Kameraden notierte der Inoffizielle Mitarbeiter „Klaus Bernstein“ im Juli 1988: „Steht [Name geschwärzt] unter Alkoholeinfluß, verliert er ungewöhnlich deutlich seine Selbstkontrolle. Neigt zur aggressiven Spontanität und Hemmungslosigkeit.“ Im Februar 1988, also noch vor seiner handschriftlichen Verpflichtung als IM, schrieb Holger Friedrich über einen anderen Soldaten an die Stasi: „[Name geschwärzt] hat kaum Umgang mit seinen Eltern, was meines Wissens aus persönlichen Differenzen resultiert.“

Für alle, die sich fragen, ob eine Stasi-Debatte wirklich noch sein muss bei einem wichtigen Berliner Verleger 30 Jahre nach dem Untergang der DDR, und natürlich neben der ebenfalls virulenten und universellen Frage, wie man selbst wohl gehandelt hätte in einer möglichen Zwangslage, seien zwei weitere, ebenso wichtige Fragen gestellt: Hätte man der Geheimpolizei einer Diktatur über Kollegen solche möglicherweise für sie folgenreichen Einschätzungen geliefert, nachdem man sie arglos in persönliche Gespräche verwickelt hatte? Und wenn ja, wie sollte man dann heute damit umgehen?