Kevin Kühnerts mahnender Abschied
Er wollte viel verändern, doch am Ende änderte das Amt auch ihn. Kevin Kühnert, einst rebellischer Juso-Vorsitzender mit rhetorischem Begeisterungspotential, musste als Generalsekretär in der SPD-Parteizentrale immer öfter nach richtigen Worten suchen für den Kanzler der Nicht-Kommunikation Olaf Scholz. Nun ist der 35 Jahre junge Kühnert, der über seine Partei hinaus als fairer Kommunikator geschätzt wird, am Montag zurückgetreten, aus gesundheitlichen Gründen. Für den neuen Bundestag will der Tempelhofer bei der Wahl in einem Jahr nicht mehr kandidieren. „Ich selbst kann im Moment nicht über mich hinauswachsen, weil ich leider nicht gesund bin“, schreibt Kühnert in einer persönlichen Erklärung. „Die Energie, die für mein Amt und einen Wahlkampf nötig ist, brauche ich auf absehbare Zeit, um wieder gesund zu werden.“
Einige mahnende Worte an seinen Chef, der Politik in Schweigen verhüllt, sind aus Kühnerts Erklärung auch herauszulesen. Chancen für die SPD ergäben sich „nicht aus Abwarten“. Vielmehr brauche es Stolz auf eine Leistungsbilanz, „die von der Spitze selbstbewusst vertreten wird“, so Kühnert. Und: „Leidenschaft kann nur wachsen, wo programmatische und strategische Ziele der Wahlauseinandersetzung geklärt sind und auf Zustimmung stoßen.“ Bei der SPD unter Olaf Scholz ist das ganz offensichtlich nicht der Fall.
Kühnerts Nachfolger soll der bisherige Fraktionsvize Matthias Miersch aus Hannover werden, wie es am Montagabend aus Parteikreisen hieß. Darüber, wie es in Kühnerts Berliner Wahlkreis weitergeht, will der SPD-Kreisvorstand von Tempelhof-Schöneberg noch in dieser Woche beraten. Ganz abgesehen von diesen Personalien und von dem Umstand, dass die angeschlagene Ampel-Regierung nach dem Rückzug der Grünen-Spitze nun vom Wechsel in der SPD-Führung erschüttert wird, zeigt der selbst gewählte Rücktritt von Kevin Kühnert vor allem eines: Gesundheit ist das Wichtigste. Das sollte sich nie ändern.