Bibliotheks-Chef Fansa über die Zukunft der ZLB: „Wir wären der Kreativraum der Stadt“
Ob Kinderbibliothek, Freihandbestand oder digitale Werkstatt: Jonas Fansa erklärt, wie die neue Bibliothek ein Knotenpunkt für Bildung und Kreativität werden kann – wenn die Politik mitspielt. Von Robert Ide.
Wie überhaupt könnte eine Bibliothek der Zukunft am Alexanderplatz aussehen? Das erklärt Jonas Fansa, der neue Direktor der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), im exklusiven Checkpoint-Interview. Der 45-Jährige spricht dabei auch über das Lesen und gemeinsame Lernen in Zeiten der Digitalisierung.
Herr Fansa, können wir bald in einer neuen Landesbibliothek am Alexanderplatz im Berliner Gedächtnis blättern?
Ob und in welcher Form es bald eine neue ZLB am Alexanderplatz gibt, lässt sich aktuell nicht vorhersagen. Im Moment liegt es bei der Politik, darüber zu verhandeln.
Was wünschen Sie sich denn für einen neuen Standort und welche Funktionen soll eine Berliner Zentralbibliothek dort erfüllen?
Eine neue ZLB muss ausreichend Platz bieten, um der Stadtgesellschaft als Wohn- und Arbeitszimmer zur Verfügung zu stehen. Wir sind aktuell mit bis zu 5.000 Besuchen am Tag schon die meistbesuchte Kultureinrichtung, haben aber viel zu wenig Publikumsfläche, das muss sich ändern. Außerdem bietet ein neuer Standort viel mehr Platz für Kinder und Jugendliche, die hier in sicherer Umgebung lernen und kreativ werden können. Und: Wir könnten an einem neuen Standort bis zu 550.000 Medien im Freihandbereich bereitstellen und gleichzeitig kostenlose Veranstaltungen und Kreativangebote wie Makerspaces, Musik- und Videoproduktion anbieten. Eine neue ZLB wäre also auch der Kreativraum der Stadt.
Was erhoffen und erwarten Sie von der Berliner Politik, um Ihre Bestände zu sichern?
Die Standortfrage muss dringend gelöst werden. Es kann nicht sein, dass unsere Kulturgüter ständig im Risiko sind, unter Wasser zu stehen. Berlin verdient außerdem eine zentrale öffentliche Bibliothek mit angemessen großem digitalen und physischen Bestand und Angeboten für die ganze Stadt, ohne dass man zwischen Ost und West dauernd hin- und herpendeln muss. Wir hoffen natürlich, dass die Berliner Politik zeitnah eine Lösung findet, sind aber auch in engem Austausch darüber.
Glauben Sie, dass in Zeiten der Digitalisierung Bibliotheken noch zeitgemäß sind?
Bibliotheken sind nicht nur zeitgemäß, sondern zukunftsrelevant, denn sie sind wichtige Begegnungs- und Aufenthaltsorte für die Stadtgesellschaft – und die gibt es immer weniger. In der Bibliothek finden alle einen Platz, um zu lernen, sich über neue Technologien zu informieren, kreativ zu werden oder auch einfach nur unter Menschen zu sein. Kaum ein Kulturangebot ist niedrigschwelliger, als mit seinem Kind in die Bibliothek zu gehen. Menschen, die kein Klavier zu Hause haben, können zu uns kommen und üben. Und wer mit digitalen Werkzeugen noch nicht so gut zurechtkommt, kann sich bei uns unterstützen lassen. Die Bibliothek bringt ganz unterschiedliche Gruppen zusammen. Einander live zu begegnen – das ist auch in der digitalen Welt immer noch ein menschliches Bedürfnis.