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Mazda Adli, 50 Jahre, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, Leiter des Forschungsbereich Affektive Störungen an der Charité
Kommende Woche werden wegen des Coronavirus in Berlin Schulen und Kitas geschlossen, Theater, Clubs und Bars ebenfalls. Die Stadt macht dicht. Was macht das Stilllegen des öffentlichen Lebens mit uns?
Das ist für uns alle eine ungewohnte Situation. Für den Menschen ist der soziale Austausch mit anderen ein Grundbedürfnis. Wenn ich gerade aus meinem Fenster schaue, geht der Alltag vieler weiter – das ist auch beruhigend zu sehen. Bei vielen Menschen führen diese Maßnahmen aber auch zu Angst und großer Verunsicherung.
Warum ist es eine Krankheit wie das Coronavirus, die bei vielen eine solche Angst auslöst. Viele Menschen werden, falls sie infiziert werden, wohl nichts davon merken.
Wir haben eine Viruspandemie, die für uns hier in Berlin derzeit schwer zu begreifen ist. Dieses unsichtbare Virus empfinden wir als eine sehr abstrakte Gefahr. Sie ist für damit für den einzelnen sehr schwer bezifferbar. Gleichzeitig hat das Thema eine enorme öffentliche und mediale Präsenz und geht mit großen Veränderungen in unserem Alltag einher. So ensteht das Gefühl einer Bedrohung ausgeliefert zu sein, obwohl ja gerade sehr viel Präventionsarbeit passiert.
Wie kann man diese abstrakte Gefahr greifbar machen?
Die Mischung macht uns zu schaffen: eine schlecht bezifferbare Bedrohung, enorme öffentliche Aufmerksamkeit, erhebliche Alltagsveränderungen und ein Gefühl von Unkontrollierbarkeit - das kann aus leichter Unruhe starke Angst machen. Sie überfordert viele Menschen. Deshalb braucht es sehr, sehr gute Aufklärung und eine klare und gut verständliche Kommunikation der Situation. Das muss dazu führen, dass einerseits die Sorglosen wirksame Vorsichtsmaßnahmen walten lassen. Andererseits darf diese Kommunikation keine Panik bei denen auslösen, die sowieso dazu neigen.
Warum ist Angst so schädlich? Schützt sie nicht auch?
Natürlich – Angst führt normalerweise dazu, dass wir einer Bedrohung adäquat gegenüber treten. Angst macht uns anpassungsfähig. Aber wir wissen aus der Emotionsforschung, dass Angst auch eine unglaublich ansteckende Emotion ist. Das ist der Grund, warum ich momentan sagen würde, die Angst ist genauso ansteckend wie das Coronavirus selbst. Diese Ängste werden auch geschürt durch eine sensationsfokussierte Berichterstattung. Dann bewirkt Angst das Gegenteil, dass wir irrational handeln und dass sich die Gesellschaft entsolidarisiert. Das führt dann zu den enormen Hamsterkäufen oder dazu, dass Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken aus unseren Krankenhäusern verschwinden. Ich halte diese Form von Angst für toxisch.
Was kann man konkret gegen Homeofficeblues oder Quarantänekoller tun?
Wichtig ist, dass man sich klarmacht: Das ist kein Dauerzustand. Das hilft oft schon sehr. Wenn Sie aus betrieblichen Gründen im Home Office sind, können sie es genauso gut auch mal verlassen und sich etwas Gutes tun. Mein Rat wäre zum Beispiel: Wenn der Arbeitsweg wegfällt, kann man sich die gewonnene Zeit zur Selbstfürsorge nutzen. Man kann sich die Frage stellen: Was tut mir heute gut? Zum Beispiel Sport machen, abends wieder mehr zu lesen. Wichtig ist: Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern die Dinge tun, zu denen man sonst keine Gelegenheit hat.
Das gesamte Interview mit dem Psychiater Mazda Adli lesen Sie am Montag im Tagesspiegel.