Durchgecheckt

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Verena Pausder, 41, ist Digital-Unternehmerin und Mitglied im Innovation Council der Digitalstaatsministerin Dorothee Bär. Ihr Ziel: Kindern einen chancengleichen Zugang zu digitaler Bildung ermöglichen. (Foto: Kim Keibel)

In Berlin findet für mehr als 400.000 SchülerInnen in den kommenden Wochen kein Unterricht statt. Bisher sind wenige Schulen auf digitalen Unterricht vorbereitet – überrascht sie das?

Nein, das überrascht mich natürlich nicht. Ich bin in den letzten fünf Jahren in meiner Funktion als Gründerin der HABA Digitalwerkstätten und Vorständin des Digitale Bildung für Alle e.V. an Schulen unterwegs und habe gesehen, was da alles noch fehlt, um digitalen Unterricht zu gewährleisten – nicht nur in Berlin. Bisher ist die Infrastruktur so schlecht, dass, selbst wenn willige Lehrkräfte vorhanden sind, es gar keine Flächenbewegung werden konnte.

Während Eltern und Kinder über WhatsApp-Gruppen vernetzt sind, mangelt es in vielen Schulen an digitaler Infrastruktur, auch und gerade für schulinterne Kommunikation. Woran scheitert der Digitalpakt in der Praxis?

Es stimmt, von den 3,5 Milliarden Euro, die für den Digitalpakt vor einem Jahr bereitgestellt wurden, ist erst ein Bruchteil abgerufen worden. Das Problem ist aber nicht Verweigerung, sondern Überbelastung und ein personeller Mangel – an Schulleitern und an Lehrern, die überhaupt ein Medienkonzept schreiben könnten, weil viele Fragen total unklar sind: Welche Geräte braucht man? Welches WLAN? Welche Cloud? Dazu kommt, dass Schulen wahnsinnig viel leisten müssen: Ganztagsbetreuung, individuelle Förderung, Integration, Inklusion – das Thema digitale Bildung bleibt in der Praxis leider immer noch viel zu häufig auf der Strecke. 

Entspricht der „Lernraum Berlin“, mit dem der Unterrichtsausfall kompensiert werden soll, Ihrer Vorstellung eines digitalen Klassenzimmers?

Nein, der Lernraum ist bisher eher eine Hülle, die noch nicht lebt. Die Schülerinnen und Schüler finden dort in erster Linie eine Themensammlung mit Aufgaben, die die Lehrer hochgeladen haben. Aber das könnten sie auch per E-Mail schicken. Was wir brauchen, ist ein interaktiver Austausch zwischen Lehrern und Schülern. Also eine Kommunikationsplattform, die es ermöglicht, mit dem Lehrer zu sprechen, Fragen zu stellen, sich über die Aufgaben mit Klassenkameraden auszutauschen – das würde die Eltern in der jetzigen Situation wirklich entlasten, denn viele arbeiten derzeit von zu Hause und sollen gleichzeitig ihre Kinder beschulen.

Wie könnte es denn laufen?

Unter einem digitalen Klassenzimmer verstehe ich einen geschützten Raum, zu dem jedes Kind mit einem Passwort Zutritt hat. Der Unterricht beginnt, sobald der Lehrer sich einloggt, ein grünes Häkchen markiert die Anwesenheit, ein rotes Kreuz informiert über kranke oder entschuldigte Kinder. Aufgaben werden direkt auf den Bildschirm gezogen und erklärt, der Lehrer kann festlegen, ob und wann er angesprochen werden kann. In den Pausen bleibt der Bildschirm schwarz oder gibt eine Bewegungsidee. Die Eltern wären dann primär dafür zuständig, die soziale und emotionale Intelligenz am Laufen zu halten, und könnten sich ihrer Arbeit widmen, während nebenan der Unterricht über den Laptop läuft.

Was sollte Ihrer Meinung nach zur digitalen Grundausstattung jeder Schule gehören?

Die Grundvorraussetzungen sind schnelles Internet, die entsprechenden Geräte, aber mindestens ebenso wichtig, wenn nicht ausschlaggebend, ist die Aus- und Weiterbildung der Lehrer, denn was nützt es, wenn haufenweise Tablets im Schrank verstauben? Das sollte zuerst passieren, dafür müssen überhaupt erst Möglichkeiten zur Weiterbildung geschaffen werden – und zwar systematisch. Bisher gibt es die nur in Ansätzen oder auf freiwilliger Basis, etwa wenn engagierten Pädagogen ihre Ideen und Materialien für digitalen Unterricht ins Internet stellen. Unabdingbar sind auch Systemadministratoren, die die Systeme und Geräte warten. Wegen des Fachkräftemangels wird es besonders schwierig werden, da eine Grundkapazität sicherzustellen. 

Warum ist digitales Lernen in Schulen so wichtig – hängen die Kinder nicht eh schon zu viel vor mobilen Endgeräten?

Es geht nicht darum, die analoge Interaktion im Klassenraum abzuschaffen, im Gegenteil. Digitales Lernen ermöglicht kreativen, anschaulichen Unterricht, etwa wenn in Sachkunde ein Stop-Motion-Film zum Thema Ozeane erstellt wird. Dafür braucht man eine Storyline, Bilder, vielleicht Musik oder selbstverfasste Audiofiles – das ist das Gegenteil von Daddeln. Digitales Lernen bedeutet auch, Medienkompetenz zu erlangen und zu einem mündigen Bürger der digitalen Welt ausgebildet zu werden. Internetrecherche zählt schon heute zu den Kernkompetenzen in vielen Berufen, die sollten Kinder schon in der Schule lernen. Davon mal abgesehen, dass das digitale Klassenzimmer auch genutzt werden könnte, um Unterrichtsausfall zu kompensieren, wenn nämlich Lehrer per Livestream parallel in drei Klassen unterrichten können. 

Macht digitaler Unterricht schon in der Grundschule Sinn?

Absolut, und zwar am besten ab Klasse 1, denn da sind noch alle zusammen. Die soziale Differenzierung ist noch nicht so stark, so dass Kinder aus allen Bevölkerungsschichten digitale Kompetenz erlernen können. Meine Erfahrung in den Digitalwerkstätten von HABA, die Kinder und Jugendliche ans Programmieren heranführen sollen, zeigt, dass gerade 12-jährige Mädchen, die am Girl´s Day zum ersten Mal bei uns sind, sich nicht mehr so leicht fürs Technik und digitale Bildung begeistern lassen wie Grundschülerinnen, die den Jungs in Sachen Experimentierfreudigkeit in nichts nachstehen, wenn nicht überlegen sind. Mit 12 fehlt den Mädchen schon die Peergroup dafür.

Sie sind berufstätige Mutter dreier Kinder, zwei davon schulpflichtig – was empfehlen Sie Eltern, die in den kommenden Wochen Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bekommen müssen?

Erstens: Eine ganz klare Tagesstruktur, die nicht jeden Tag neu verhandelt und am besten für alle sichtbar an den Kühlschrank gepinnt wird. So ist für alle klar, wann Lernzeit, wann Pause und wann Freizeit ist. Zweitens: Sich nicht unnötig unter Druck setzen. Wenn am Nachmittag eine Telefonkonferenz ansteht, dann darf es vielleicht auch mal Netflix oder das Smartphone sein. Deswegen muss man sich nicht streiten. Drittens: Gemeinsam digital kreativ sein. Wo schon alle aufeinanderhocken, warum nicht mal zusammen was in Minecraft bauen? Eltern können dabei jede Menge von ihren Kindern lernen.

Welche Apps oder digitales Spielzeug können Sie besonders empfehlen?

Für die ganzen Kleinen (bis 6 Jahre) kann ich „Bee-Bot" empfehlen, ein Bienenroboter, den man durch die Wohnung flitzen lassen kann. Die App „Lazuli“ ist auch gut, fördert logisches Denken. Für die Größeren hält „Scratch“ unendliche Möglichkeiten bereit für das Programmieren von eigenen Spielen und Anwendungen. Fortgeschrittene können versuchen, den „Spike Prime Roboter“ von Lego zu bauen, der kann sogar breakdancen. Und falls die Ausmalbilder knapp werden: Mit der „Kunststudio“-App lassen sich digital eigene Kunstwerke schaffen und bearbeiten, so eine Art Photoshop für Kinder.

Das Interview führte Stefanie Golla.