Durchgecheckt

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Mariette Rissenbeek, 63, ist die erste Frau an der Spitze der Berlinale. Die Niederländerin (Foto: Alexander Janetzko/Berlinale) eröffnet gemeinsam mit Carlo Catrian nächste Woche die 70. Internationalen Filmfestspiele, das größte Publikumsfestival der Welt.

Frau Rissenbeek, welch ein Berlinale-Start: keine Bären mehr auf den Plakaten, weniger Platz und Flair am Potsdamer Platz und dann noch die Enthüllungen über die Nazi-Vergangenheit des ersten Berlinale-Direktors Alfred Bauer – hätte es eigentlich schlechter losgehen können für Sie?

Ich habe mich auf Veränderungen eingestellt, als ich nach Berlin gezogen bin. In einer dynamischen Großstadt sind Überraschungen für ein Festival ja Normalität – für Vieles haben auch wir gute Lösungen gefunden. Die Auseinandersetzung mit Alfred Bauer wird uns die nächste Zeit begleiten. Wir wollen größere Klarheit über seine Rolle und Bedeutung gewinnen. Und die Bären spielen nach wie vor eine große Rolle für die Berlinale.

Das Festival zeigt diesmal weniger Filme, führt dafür aber eine Art zweiten Wettbewerb ein. Sehen Sie bei den vielen Reihen als Veranstalter selbst noch durch?

Wir haben den zweiten Wettbewerb mit dem Ziel eingeführt, das Profil der Sektionen zu schärfen. Das ist aus meiner Sicht auch gelungen. Gleichzeitig muss man feststellen, dass ein Festival bei der Filmauswahl auf die Arbeit der Filmeschaffenden angewiesen ist. Sie bestimmen, welche Filme gemacht werden.

Okay, können Sie denn mal in jeweils einem Wort sagen, für was die jeweiligen Reihen stehen?

Klar. Wettbewerb: packend. Berlinale Special: aufregend. Berlinale Series: anregend. Encounters: auslotend.

Das sind aber noch längst nicht alle.

Ich kann gern weitermachen. Panorama: mutig. Shorts: rauschend. Generation: motivierend. Forum: kompromisslos. Forum Expanded: grenzüberschreitend. Perspektive Deutsches Kino: frisch. Retrospektive: fokussiert. Berlinale Classic: filmhistorisch. Hommage: charismatisch.

Für viele Filme der Berlinale würde auch eine Zuschreibung reichen: düster. Warum zeigt Kino eigentlich so selten die fröhliche Seite der Welt?

Kino bildet immer ab, was die Filmemacher und Filmemacherinnen bewegt. Das können auch komplexe Themen sein, ob unterhaltsam oder düster inszeniert. Das Leben hat nun mal leichte und schwere Seiten, und Kino ist eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen. Damit kann es positive Ziele setzen. Für mich ist es wichtig, gestärkt oder motiviert aus dem Kino zu gehen und etwas Wesentliches erlebt zu haben.

Vorher müssen Kinofans in den zugigen Potsdamer Platz Arcaden auf einer Baustelle nach Tickets anstehen. In welchem Jahrzehnt wird eigentlich der Ticketverkauf der Berlinale digitalisiert?

Wir sind bereits lange digital aufgestellt mit dem Online-Ticketing. Aber interessanterweise finden es viele Besucher nach wie vor charmant, sich traditionell für Tickets anzustellen und sich dabei auch mit anderen Filmfans vor Ort zu vernetzen. Zugig wird es am Potsdamer Platz sicher nicht sein - wir machen es uns in den Arkaden ganz gemütlich und werden visualisierte Anregungen zum Thema Nachhaltigkeit anbieten; „Food for Thought“ sozusagen.

Der andere Hotspot des Festivals ist nicht viel schöner: Viele Filme werden diesmal am Alexanderplatz gezeigt; außerdem geht eine Neuverfilmung von „Berlin, Alexanderplatz“ ins Rennen. Mögen Sie den Alex?

Der Alexanderplatz ist spätestens seit dem Roman von Alfred Döblin legendär. Er steht für Berliner Leben pur, jeder verbindet diesen besonderen Ort mit Berlin. Aber ich mag auch andere Plätze.

Zum Beispiel?

Als begeisterte Flohmarktbesucherin fühle ich mich am Arkonaplatz sehr wohl. Und zum Bummeln empfehle ich den Savignyplatz.