Durchgecheckt

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Drei Fragen an Jens-Holger Kirchner (Grüne), Ex-Verkehrsstaatssekretär und designierter Verkehrsprojektplaner in der Senatskanzlei

1. Vor Ihrer Zeit im Senat haben Sie jahrelang die Stadtentwicklung im Boombezirk Pankow verantwortet. Was wäre Ihr Rezept gegen Wohnungsnot und die exorbitant steigenden Mieten?

Bauen, bauen, bauen – und zwar in der Stadt, nach ökologischen Standards, mit nachhaltigen Materialien, verkehrsvermeidenden Konzepten, mit begrünten Fassaden fürs Mikroklima, ergänzt mit urbaner Landwirtschaft. Erfunden ist das schon alles, es muss nur gemacht werden. Im Jahr 1928, also kurz vor der Weltwirtschaftskrise, wurden in Berlin 30.000 Wohnungen gebaut, hauptsächlich von Genossenschaften. Davon zehrt die Stadt heute noch – was die Standards, die Wohnqualität und die Mietpreise betrifft. Ich verstehe nicht, warum die Genossenschaften und die städtischen Gesellschaften nicht viel mehr bauen können und dürfen – als Investition in die Zukunft der Stadt. Dabei müssen wir Proteste aushalten: Oft findet es nicht nur Befürworter, dass gebaut werden soll. Sozial und nachhaltig ist das aber nicht, denn als Konsequenz wird am Stadtrand gebaut – mit riesigem Flächenverbrauch und immer mehr Autoverkehr. Was nützen uns denn unsere Frischluftschneisen, wenn sich in denen jeden Tag 50.000 Pendlerautos stauen?

2. Ihre Partei hat lange darüber nachgedacht, ob sie sich dem Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ anschließt. Was meinen Sie?

Es kann ja nicht schaden, über eine überaus wichtige Sache auch mal etwas länger nachzudenken. Das ist notwendig und die Suche nach Wegen, wie wir Mieterschutz stärken, wichtig. Aber es schafft leider keine einzige Wohnung. Ich habe die Befürchtung, dass am Ende alles Geld, das nicht in Neubau investiert wird, der Immobilienlobby hilft, immer absurdere Preise aufrufen zu können. Mein Ziel wäre das nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wir den Wohnungsneubau von Genossenschaften und städtischen Wohnungsbaugesellschaften mindestens genau so intensiv voranbringen müssen.

3. Vor allem bei den jüngeren Leuten sind die Grünen inzwischen Volkspartei, in Berlin haben sie am vergangenen Sonntag fast 28 Prozent geholt. Ist die Partei diesem Ergebnis gewachsen?

Ich kann gut verstehen, dass unserem Parteichef Robert Habeck mulmig war. Im konstruktiven Umgang mit den Verhältnissen kann nur mit einer Gegenfrage geantwortet werden: Wer denn, wenn nicht die Grünen?