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Bis zu 20.000 Frauen* wollen am Sonntag anlässlich des Weltfrauen(kampf)tags in Berlin demonstrieren. Katrin Wagner (30) ist Demo-Mitorganisatorin.
Wie weit sind wir im Jahr 2020 in Sachen Gleichberechtigung?
Das kommt drauf an, von wem wir reden. Wenn alle Faktoren stimmen – man weiß ist, heterosexuell und einen guten familiären Hintergrund hat – kann man auch als Frau ein gutes Leben führen und erfolgreich sein. Darum geht es aber nicht. Feminismus will, dass alle die gleichen Chancen haben. Unsere Demo ist deshalb auch ganz klar kapitalismuskritisch.
Also politisch ganz klar links?
Ja. Ich würde unser Bündnis zwar als divers, aber auch als links bezeichnen. Linke, SPD und Grüne nehmen auch an der Demonstration teil. CDU, FDP oder AfD würden unsere Forderungen – inklusive der wirtschaftlichen – ziemlich sicher nicht mittragen.
Es ist davon auszugehen, dass sich ein Großteil der PolitikerInnen am Sonntag wieder unisono für mehr Frauenrechte aussprechen wird. Die Pressemitteilungen machen schon ihre Runden. Bestimmt werden auch wieder Rosen verteilt…
Ich würde mir wünschen, dass der alljährlich aufkommende Eintagsfeminismus in Alltagsfeminismus umgewandelt wird und sich dadurch auch dauerhaft in der Politik wiederfindet – gerade dann, wenn es um entscheidende Verhandlungen geht. Nehmen wir den Paragraphen 219a: Wenn sich offensichtlich so viele PolitikerInnen in der feministischen Bewegung wiederfinden, warum schaffen sie es dann nicht, die entsprechenden Forderungen durchzusetzen?
Was denken Sie ist der Grund?
Ich glaube, dass es leider etwas mit Karriereentscheidungen zu tun hat. Und, dass patriarchale Strukturen in der Politik noch immer sehr wirkungsmächtig sind. Männer sind einfach extrem gut darin, Seilschaften zu pflegen. Frauen haben da eine größere Hemmschwelle.
Gleichstellungssenatorin Dilek Kalayci sagte 2019: „Berlin ist die Stadt der Frau“. Ist Berlin weiter als andere Städte?
Ich finde das eine total komische Aussage. Welche Stadt meint sie da genau? Und welche Frau? Es gibt hier doch so unterschiedliche Lebensrealitäten! Klar, fühle ich mich die meiste Zeit wohl und sicher. Aber ich gehöre auch zu den Privilegierten.
Sie sagen „meistens“. Was stört Sie persönlich in Ihrem Alltag?
Alltagssexismus! Man fährt selten in der U-Bahn, ohne dass man komische Blicke oder Sprüche zugeworfen bekommt. Manspreading – auch so ein klassisches Ding. In Berlin gibt es immer noch eine sehr starke Mackerkultur. Im Job merke ich das auch immer wieder.
Sie arbeiten an der Humboldt Uni als Gleichstellungsbeauftragte am Institut für Europäische Ethnologie.
An der Uni ist das noch ein eher feministisch geprägter Raum. Trotzdem hat es zum Beispiel drei Jahre gedauert, bis wir einen Familienraum einrichten durften. Gerade von der Fakultät kamen da immer wieder Sprüche. Selbst Frauen, die es nach oben geschafft haben, haben da manchmal eine ganz seltsame Einstellung. Die sehen Gleichstellungsmaßnahmen für nachkommende Generationen nicht als notwendig an, weil sie es selbst auch so geschafft haben.
Gab es bei Ihnen im Rahmen von Metoo eine größere Debatte?
Metoo wurde im Universitätsbereich viel zu wenig thematisiert. Was da an die Öffentlichkeit kam bzw. eben nicht, deckt sich nicht mit den Zahlen und Vorfällen, die ich kenne. Ich mache meinen Job seit 2013 und höre immer wieder Geschichten von Kolleginnen, in denen es ganz klar um Macht- und Abhängigkeitsstrukturen geht.
Zur Demonstration am Sonntag wird unter dem Motto „Feiern – Streiken – Weiterkämpfen“ aufgerufen. Was gibt es zu feiern?
Die Kämpfe, die bereits gefochten wurden. Das Wahlrecht, das Recht arbeiten zu dürfen oder selbst ein Konto zu eröffnen – all das sind Dinge, die Frauen vorheriger Generationen für uns erstritten haben. Das vergessen wir viel zu oft!
Für 16 Uhr ist auf der Demo ein #globalscream angekündigt. Was hat es damit auf sich?
Wir haben das im letzten Jahr auf Vorschlag einer polnischen Aktivistin zum ersten Mal eingeführt. Die Idee ist, fünf Minuten lang alle Wut und allen Frust rauszuschreien und dabei gleichzeitig Aufmerksamkeit zu erregen. Wir haben uns da alle ziemlich reingesteigert und es hat ziemlich gut funktioniert. Mitmachen kann eigentlich jede: egal ob auf der Demo, alleine im Zimmer, auf dem Balkon oder der Straße.
Wenn Sie nur einen Satz rausschreien könnten. Welcher wäre das?
Die feministische Revolution ist jetzt!
Der Berliner CDU-Chef Kai Wegner sagte vor kurzem in einem Tagesspiegel-Interview, es dürfe „kein Nachteil sein, ein Mann zu sein“.
Das ist doch interessant, dass „kein Vorteil“ sofort zu „kein Nachteil“ umgemünzt wird. Da kann man nur sagen: die armen Männer.