Allein, aber gut gesättigt aufs Konzert
Sie ist die Band, die unserem Zustand einen Namen gibt. Heute Abend streamen Isolation Berlin ein Live-Konzert. Die Wochenendtipps.
Foto: Carsten Thesing/imago images
Samstagmorgen – Tausend Schritte soll man bekanntlich schon nach dem Frühstück tun, geruht hat man ja schon davor. Wohin soll man aber gehen, wenn auf den beliebtesten Pfaden kaum Mindestabstände eingehalten werden? Vielleicht kommt es ja weniger auf das Wo an als auf das Wie. Die Situationisten um Guy Debord hatten dafür das Konzept Dérive parat: Eine Form des experimentellen, oft ziellosen Spazierens, das auf einer gesteigerten Wahrnehmung der Umgebung beruht. Eine schöne Spielart besteht darin, die Landkarte (Papier, kein GPS) einer fremden Stadt auf die eigene anzuwenden: Man stelle sich etwa mit der von London an eine Berliner Kreuzung und versuche, sich anhand von Indizien der Umgebung zu verorten. Dann setze man sich ein Londoner Ziel und in Bewegung. Never mind the gap, wenn Karte und Umgebung nicht ganz aufeinander passen.
Samstagmittag – Gehobene Küche goes Fast Food? Um 12.30 Uhr, wenn die Speisenausgabe im Barra endlich beginnt, ist die Schlange in der Okerstraße 2 (U-Bhf Leinestraße, Neukölln) bereits einen halben Block lang, um kurz nach eins sind die 60 Chicken Sandwiches (zu 10 Euro) ausverkauft. Mehr geht an einem Tag nicht, sagt Chef Daniel Remers. Die Zubereitung beginnt kurz nach Sonnenaufgang und bis zur Öffnung schafft sein Team eben genau so viel. „Sandwich“ ist dabei ein wenig tief gestapelt: Das Filet ist eine zarte Punktlandung, der Salat knackig und die Honig- und Senfnoten in der hausgemachten Soße perfekt balanciert. Natürlich werden Filet und Brötchen erst bei Bestellung erhitzt. Daneben gibt es immer wechselnde Speisen zum selber Fertigbacken, -kochen und -braten.
Samstagabend – Bereits 2012 haben vier, damals noch recht unbekannte Berliner Jungs ihrer Band den prophetischen Namen Isolation Berlin verpasst. Als hätten sie es kommen sehen. Zu den Krisenprofiteuren dürften sie dennoch nicht zählen – falsche Branche leider. Und zum Glück für uns, denn so kommen wir in die Gunst einer alles andere als eintönigen Musik und der Texte von Tobias Bamborschke, die immer wieder zeigen, mit wie viel Style Selbstzerstörung und Weltuntergang einhergehen können. Um 20 Uhr geben die vier ein Konzert, natürlich im Live-Stream.
Sonntagmorgen – Wer seinen Dérive gerne mit xenogalaktischen Ansichten garniert, nehme sich am besten eine Karte vom Mars statt London und orientiere sich damit in Lichterfelde. Früher oder später wird er dabei nicht nur Leben entdecken, sondern auch den Mäusebunker des Urberliner Architekten Gerd Hänska, der in jedem Licht anmutet als wäre er direkt einem Sci-Fi-Comic aus den 60ern entsprungen. Das wahrscheinlich radikalste Stück brutalistischer Architektur Berlins soll demnächst wieder in unendliche Weiten entschwinden, es steht nämlich auf der Abrissliste der Stadt. Spaziergänge werden damit in Zukunft kontrastärmer. Kleiner Trost: Gleich nebenan befindet sich das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité. Brutalistisch erinnert es daran, die 1,50 Meter Mindestabstand auch beim Dérive einzuhalten.
Sonntagmittag – Aufgeklärt und liberal, wie wir sind, können wir ja über alles reden. Aber können wir das wirklich? „Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse“, hieß es mal in einer Tamponwerbung. Und wenn, erstens, Missverständnisse im Dialog ausgeräumt werden und, zweitens, wir über alles reden können, wie kommt es dann, dass der Gyncast (auch auf Spotify und Apple Podcasts), mit Chefärztin Dr. Mandy Mangler noch so viel zur Normalisierung der normalsten Sache der Welt beitragen und im besten Sinne aufklären kann?
Sonntagabend – Das Video Art Festival der Berlinischen Galerie und des Forums Videoart at Midnight, das normalerweise monatlich Film, Video- und Medienkunst der internationalen Berliner Szene im Kino Babylon ausrichtet, zeigen ihr Programm diesmal im Netz, Samstag und Sonntag ab 20 Uhr. Heute Abend sehen wir unter anderem die Arbeiten „Breakfast with Dinosaurs“ (2018) von Shahram Entekhabi und „Cooking with Mama“ (2006) von Hiwa K., die das Wochenendeende kulinarisch rahmen.