Einmal Hochkultur und Hip-Hop, bitte
Wie vertont man ein Krematorium? Mit welchen Techniken wird Hip-Hop zum Leben erweckt? In unseren Wochenend-Tipps zeigen wir die Bandbreite moderner Musik. Von Thomas Wochnik
Foto: Levente Kozma
Samstagmorgen – In Berliner Regierungskreisen und unter Brexitgegnern geht das Wort Scheitern derzeit nicht allzu leicht über die Lippen. In der Kunst ist man es dagegen gewohnt, darüber zu sprechen. Denn erstens dürfte kaum eine andere Branche vergleichbar viele gescheiterte Karriereversuche zu verzeichnen haben. Und zweitens ist dort gerade der große, spektakuläre Untergang vor Publikum schon immer auch der größte Erfolg. Wer diese Logik abstrus findet, kann ja hin und wieder aus sicherer Distanz in den Betrieb schauen, zum Beispiel beim Tag der Offenen Tür in der Schule für Bildende Kunst und Gestaltung von 10 bis 15 Uhr in der Immanuelkirchstraße 4 Prenzlauer Berg (Tram Knaackstraße).
Samstagmittag – Für so ziemlich das Gegenteil des Scheiterns, nämlich das Überwinden eines widerspenstigen Problems, steht Ludwig van Beethoven, der bereits ab seinem 28. Lebensjahr zunehmend das Gehör verlor, sodass er seine letzte, neunte Symphonie wohl in völliger Taubheit komponierte. „Musik im Kopf“ lautet der Titel eines Workshops für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren im Musikinstrumentenmuseum (Ben-Gurion-Straße, U-Bhf Potsdamer Platz) zu Beethovens Gehör (15 bis 16.30 Uhr, Kinder 2 Euro, Erwachsene 8 Euro, Anmeldung unter Tel. 030 25481139). Wer mit dem Kinderprogramm nichts anfangen kann, wechsle einfach die Straßenseite und lasse sich einen Bibliotheksausweis für die Staatsbibliothek (Potsdamer Straße 33) ausstellen – der ist nämlich kostenlos und garantiert jeden Schritt wert. In der Musikabteilung kann man das Thema wunderbar vertiefen.
Samstagabend – Polen ist so nah, dass man durchaus mit dem Fahrrad hinfahren kann. Jenseits der Grenze, gerade mal 100 Kilometer entfernt, ist man nicht nur JWD, sondern auch umgeben von Angst vor Fremden und, wie es in Polen heißt, der LGBT-Ideologie. Natürlich gilt das nicht für alle und nicht für das ganze Land, aber die Tendenzen sind stark genug, dass der polenstämmige Berliner Musiker Jemek Jemowit eine LP zum Thema herausbringt und eine Party zur LP schmeißt – als Gegenentwurf zum Hyperpatriotismus. Er selbst interpretiert seinen trashigen Elektropunk mit Mikrofon und Synthesizer, als Vorband kommen die Berliner „Mir Express“, deren Sound vielleicht an Alan Vegas Band „Suicide“ erinnert. Polophobia, ab 20 Uhr im West Germany (Skalitzer Straße 133, U-Bhf Kottbusser Tor)
Sonntagmorgen – Wer sich die Nacht mit polnischem Vodka um die Ohren und seine Phobien in die Flucht geschlagen hat, dürfte heute in der Smetanastraße 9 in Weißensee (Tram Albertinenstraße) glücklich werden. Das nicht nur, weil der Nachname des Komponisten Bedřich Smetana, nach dem die Straße benannt ist, in den meisten slawischen Sprachen nichts anderes als Sahne bedeutet (das war es schon aus der Kategorie Wissen, das niemand braucht, außer Kolumnisten), sondern weil das Bio-Restaurant Mandelbaum von 10 bis 14 Uhr einen gemütlichen Sonntagsbrunch auftischt. Die Platzfrage klären Sie am besten telefonisch unter 030 9606 3773.
Sonntagmittag – Was bedeutet es eigentlich, ganz im Hier und Jetzt zu sein? Ganz frei von esoterischem Beigeschmack demonstriert das Jacob Kirkegaard im, beziehungsweise unter dem Silent Green. Es handelt sich bei den Räumlichkeiten bekanntlich um das ehemalige Krematorium Wedding, wodurch Kirkegaards Arbeit „Opus Mors“, sagen wir, intensiv korrespondiert. Mit musikalischen Mitteln reflektiert der Künstler nämlich vier der postmortem-Stadien des menschlichen Körpers – Leichenschauhaus, Autopsie, Kremation und Dekomposition der Überreste. Das Konzert ist übrigens Teil des CTM Festival, welches in diesem Jahr Stadien des Übergangs thematisiert. 14 bis 21 Uhr, Eintritt 21 Euro, Gerichtstraße 35, U-Bhf Wedding
Sonntagabend – Wer zum Wochenendeende der allzu schnell vergehenden Zeit ein Schnippchen schlagen will, könnte an Techniken des Sampling interessiert sein. Dieses aus dem Hiphop kommende und mittlerweile in ausnahmslos allen Musikgenres angelangte Prinzip beruht auf dem Einfrieren von Zeitabschnitten, um sie anschließend wieder zu neuen Stücken zu rekombinieren. Von 17 bis 23 Uhr steigt im Café Wendel in Kreuzberg eine offene Sampling Session. Schlesische Straße 4, U-Bhf Schlesisches Tor