Wochniks Wochenende - 48 Stunden Berlin
Samstagmorgen – Ein Steppenläufer quert das Bild, der Horizont krümmt sich in der aufgeheizten Luft und irgendwo steht einer und spuckt einen so dunklen Rotz in den Spielplatzsand, dass es aussieht, wie ein Klapperschlangenloch. Ennio Morricone und Francesco De Masi stehen einander in der Mittagshitze gegenüber. Beide beanspruchen, den perfekten Soundtrack für die Szene geliefert zu haben. Beide mit Recht. Die Sonne blendet, eine Schaukel quietscht im Wind. Was so gar nicht nach Berlin klingt, könnte es in den kommenden Tagen werden: Wetterfrosch Kachelmann prognostiziert nämlich sengende Hitze für die kommende Woche. Und auch wenn er damit einen irrigen Pfad beschreiten könnte, liefert er uns doch einen interessanten Unterton für dieses Wochenende als Warten auf die Glut. Was will man alles getan haben, bevor es zu spät ist? Was auch immer es ist, man sollte erst mal was essen. Auf dem Potsdamer Markt am Nauener Tor kann man sich das Lied vom Brot schmieren lassen – am besten direkt vom Marktstand, um es ein zwei Stände weiter in erlesenes Olivenöl zu tunken und das apokalyptische Wetter mit einer mediterranen Note willkommen zu heißen.
Samstagmittag – Und weil Potsdam schon fast auf halbem Wege zum Fläming liegt, anschließend gleich weiterziehen nach Jeber-Bergfrieden (105 Fahrradkilometer ab Askanischer Platz, 77 ab Potsdam oder Direktverbindung mit dem RE7). Hier wird nämlich beim AnTasten der mit großem Abstand gelassensten aller Musiken gefrönt: Der US-amerikanische Komponist Morton Feldman wäre sicher auch ein äußerst interessanter Diskutant fürs laufende Symposium Ästhetik nach Adorno (Fr-So) geworden – als Kontra zum Kontrapunkt sozusagen. Da draußen aber lassen die Pianistinnen Aurelia Georgiou und Florian Steininger Feldmans Musik ganz für sich sprechen. Man könnte sich geografisch noch um einiges weiter vom Stadtlärm entfernen – gefühlt weiter weg geht aber einfach nicht. 25/ 17 Euro, 17 bis 20.15 Uhr, anschließend gibt es Abendessen.
Samstagmittag – Für alle, denen die aktuellen Temperaturen jede (Reise-)Bewegung madig machen, wie wäre es mit den kühlen und nicht allzu weit entfernten Räumen des Meinblau Projektraums auf dem Pfefferberg? Im Mittelpunkt steht hier die Klanginstallation des chilenischen Künstlers Sebastián Jatz Rawicz, der sich auf John Cage beruft, einen der engsten Freunde von Morton Feldman. Von Chile über New York, Prenzlauer Berg und Jeber-Bergfrieden in einem Satz nach Spanien, denn die Installation „Harmonic Garden“ ist inspiriert von einer Promenade durch die paradiesischen Gärten von Alhambra mit ihren kühlen Wasserläufen, Brunnen und Teichen.
Samstagabend – Erstens ist die Uraufführung von Jörg Widmans Labyrinth IV praktisch ausverkauft und zweitens werden wir heute Abend bereits einiges gehört haben. Zur Abwechslung deshalb mal was auf die Augen. Natürlich denkt man, wenn man an Lyrik denkt, irgendwie an Sprache. Wie aber ist das mit Gebärdensprache? Wie funktionieren hier eigentlich Reime, Versmaße und all die Stilmittel, die gemeinhin mit dem Klang assoziiert werden? Und welche Möglichkeiten künstlerischen Umgangs mit der Sprache gibt es im Gestischen, die es in der klingenden Sprache nicht gibt? Eine Lesung und Performance mit Gebärdensprachpoesie gibt es heute um 20 Uhr in der Lettrétage, Mehringdamm 61, U-Bhf Mehringdamm.
Sonntagmorgen könnte durchaus unter dem alten Motto „Licht, Luft und Sonne“ beginnen, was nicht heißt, dass man sich gleich ins Chaos stürzen muss. Wer den Tag gern in geordneten Bahnen beginnt, um womöglich später umso doller auszubrechen, findet in Berlin zahlreiche Freibäder mit 50-Meter-Plus-Bahnen sowie Badeseen mit ausreichend Weite. Aber auch alle feinen Nuancen zwischen seichtem Planschen im hüfthohen Wasser und Balzruf mit Arschbombe werden in der Hauptstadt bedient und wer früh genug aufsteht, verglüht auch nicht gleich in der Mittagssonne, erspart sich das Gedränge und hat, schon bevor der Tag für viele andere begonnen hat, einen schönen gehabt.
Sonntagmittag – Irgendwas ist ja immer, weshalb auch jedes Wochenende irgendein Festival aus gegebenem Anlass steigt. Grund für eine Party gefällig? Wer das aktuelle Datum in die Wikipedia Suchmaschine eingibt, bekommt Hunderte bis Tausende von Ereignissen, die sich eben heute jähren und steht nur noch vor der Qual der Wahl. Und es ist ja auch schön, dass hier immer was los ist, wie U8-Fahrer Steffen Retz neulich sagte. Was aber soll man davon halten, wenn bei Birgit und Bier am Schleusenufer eine Veranstaltung zum „1st Middle Eastern Street-Food Festival“ erklärt wird, zugleich im Sage Beach ein „Indian Food Festival“ steigt und im Osthafen ein „Italian Food Festival“ stattfindet? Man könnte sich angesichts der inflationären Verwendung des Festival-Begriffs empört den Appetit verderben lassen und beim Unterwasserhockey schmollen. Oder sich seine ganz eigene Fusions-Mischung von allen dreien zusammenstellen – die Distanzen zwischen den sogenannten Festivals gehen sich quasi von selbst, man wird kaum Kalorien verbrannt und folglich für die kommende Woche schon mal vorgespeist haben. So geht Vorspeisen.
Sonntagabend – Abschließend steigen wir dann doch einige Treppenstufen hinauf zum Klunkerkranich (Karl-Marx-Straße 66), um vom Dach aus und in Begleitung des fulminanten Echo Chamber Trios verdientermaßen den Untergang des großen heißen Himmelshells mit einem kalten Getränk abzuschmecken. Wieder ein Wochenende geschafft, aus die Maus. Daran, dass sowieso bald wieder alles von vorne losgeht, erinnern nicht nur Tocotronic, sondern auch Sasha Waltz & Guests unter anderem mit Igor Stravinskys Sacre du Printemps, dem Ballet über den ewigen Wiederbeginn nach jedem vorübergehenden Stillstand. 20 Uhr, Staatsoper, Unter den Linden 7, Tickets ab 14 Euro