Abkühlung, Festivals und Punk
Samstagmorgen – Festival, Hitze und Notarzteinsatz gelten spätesten seit dem Sommer 1969 als gelungenes Freizeitkonzept, und so schlägt an den bislang heißesten Tagen des Jahres 2021 auch die Hauptstadtkultur zum brennenden Festival-Rundumschlag aus. Zum Einstieg empfehlen sich die 48 Stunden Neukölln, die den Stadtteil in einen Parcours der Künste verwandeln und mit dem Thema „Luft“ kaum stärker auf ihre eigene Omnipräsenz verweisen könnten. Damit es sich dabei nicht bloß um heiße Luft handelt, haben sich über 600 Künstler:innen in über 250 Projekten des leichten, Schall, Licht, Funkwellen und Aerosole übertragenden Mediums angenommen, zwischen niedlichen Obertonchörchen und in die Luft gehender Literatur auf dem Tempelhofer Feld.
Samstagmittag – Zumindest einen Anteil an der Popularität von Gotteshäusern aller Art in heißen Weltregionen dürfte schon immer deren Abkühlung schenkende Architektur haben. Auch die Kirche am Hohenzollernplatz bietet eben diese. Um 12 Uhr, wenn also die Sonne im Zenit steht und die Schatten besonders kurz werden, erklingt hier beim Noon Song Johann Sebastian Bachs Motette, Nummer 225 im Werke-Verzeichnis, dargeboten von den Vokalsolisti:innen „Sirventes Berlinei“ in Begleitung von Peter Uehling an der Continuo-Orgel, Martin Seemann am Cello und Johann Krampe an der Violone.
Samstagabend – Ebenfalls der bewegten, heißen Luft widmet sich notwendigerweise das Berlin Brass Festival. Von 16 bis 20 Uhr erschüttern vier Blechblaskapellen die selten verkehrsleise Gegend um den kleinen Tiergarten zwischen Turmstraße, Alt-Moabit, Rathenower und Gotzkowskystraße mit noch lauterem Jazz, Ska und Soul. Bildung, die niemand braucht: Im Zentrum des Ganzen befindet sich mit der Thusnelda-Allee die kürzeste echte Allee der Stadt, die somit zugleich auch zur lautesten befördert wird. Wer es heute nicht nach Moabit schafft, kann sich sonntags nach Spandau oder montags nach Prenzlauer Berg aufmachen, das Festival wandert nämlich durch die Stadt.
Sonntagmorgen – Bei historischen Führungen steht und fällt das Erlebnis nicht nur mit der Information, sondern auch mit der Sprachgewandtheit der Erzähler:innen. Bei literarischen Spaziergängen darf man in der Regel die Sprache in trockenen Tüchern wähnen, muss aber manchmal in Sachen Historie Abstriche hinnehmen. Im Germanisten, Philosophen und Kunsthistoriker Sebastian Januszewski kommt beides zusammen. Und der führt heute einen Spaziergang durch berühmte Künstlercafés des Neuen Westens, sprich des alten Stadtzentrums um den Zoologischen Garten, wie das Romanische Café, das Café des Westens und einige weniger bekannte wie längst nicht mehr existierende Etablissements, in denen sich die literarische Crème der 20er und 30er gerne aufhielt. Eineinhalb Stunden dauert der Rundgang mit Start um 11 Uhr in der Fasanenstraße 23, Tickets kosten 7 Euro.
Sonntagmittag – Etwas jüngere Geschichte behandelt der Kreuzberger Club SO36 im eigenen Salon: In Anni Heuchels Ausstellung Die Schönheit der Zecken wird sich dabei auch der eigenen Hausgeschichte angenommen, geht es doch um die Schnittmengen von Kunst und Punk (abfällig: Zecke) seit Kippenberger. Entstanden im Lockdown und in Wasserfarben, erhält der Punk-Gestus hier eine etwas zurückhaltendere Note als gewohnt. Die Werke sind übrigens durchaus erschwinglich, die Künstlerin will mit einem Teil der Erlöses dem vom Kulturlockdown gebeutelten Club etwas unter die Arme greifen. 14 bis 20 Uhr in der Oranienstraße 188, Eintritt frei.
Sonntagabend – Festivals bringen Menschen zusammen – das war von Anfang an die Idee – von denen die meisten im Anschluss wieder auseinander driften. Etwas mehr Verbindlichkeit hat sich die Fête de la Musique dieses Jahr aufs Programm gesetzt, hier wird nämlich eine Trauung vollzogen. Wer da mit wem welches Bündnis genau eingeht ist Nebensache. Hauptsache, es wird dazu auf der Theke getanzt. Und zwar auf der Käsetheke, denn das Herz der Fête, die dieses Jahr vor allem Online stattfindet, liegt im Edeka Supermarkt Lawrenz in Alt-Treptow. Und das von 16 bis 22 Uhr im Stream, den man dank moderner Technik an jedem beliebigen, schattigen Fleck der Stadt aus empfangen kann.