Stadtleben
Samstagmorgen – Vieles lässt sich prinzipiell unter ganz verschiedenen Winkeln angehen. Zum Beispiel: von unten. Die Taucherinnen der Tauchschule „Tiefenrausch“ gehen den Dingen schon ab 8 Uhr im Groß Glienicker See auf den Grund. In der besinnlichen Isolation des trüben Nass kann man zum Beispiel über Roy Scheiders tiefenpsychologische Rollenentwicklung in „Der Weiße Hai“ nachdenken. Oder schon mal Wochenendpläne sortieren. Wer seine Freizeit allerdings lieber angeht als versenkt, wird auf dem Gelände des Flughafen Tempelhof gut Strecke machen können – und sich gegebenenfalls sogar mit Kunst beschweren, gut für die Linie. Denn um 11 Uhr öffnet hier der „Positions“-Kunstmarkt zur Art Week, bei dem internationale Galerien unmittelbar nebeneinander Position beziehen und so unvergleichlich vergleichbar werden. Kaffee soll es auch geben, wie man hört.
Samstagmittag – Andererseits wird gerade im vom U-Bahn Netz durchwobenen Berlin sowieso vieles von unten angegangen. Die Fahrkarte ist ab morgen zudem auch Eintrittskarte zur „Kunst im Untergrund“, der etwa jährlich ausgerichteten Interventionsreihe der nGbK. An verschiedenen Bahnhöfen werden Arbeiten von Künstlerinnen zu sehen sein, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen. Den Auftakt dazu macht heute Alexis Dwarsky mit der Performance „Fitte Kadenz“, bei der eine im strammen Gleichschritt laufende Jogger-Gruppe den Befehlen eines Freestyle-Hip-Hop-Drill-Instructors folgt, was auf verdeckte Militarismen im Alltag verweisen soll. Wem jedoch nach all dem Gelaufe nach Sitzen ist, nehme im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Platz. Da spielt das RSO unter Frank Strobel ganze neun Stunden Filmmusik von Arthur Honneger und Paul Fessen zum Stummfilm „La Roue“ von Abel Grace.
Samstagabend – Die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es käme drauf an sie zu verändern, sagt Karl Marx. Dieser Satz aus den Feuerbach-Thesen gehört sicher in jede Top Ten der am meisten fehlinterpretierten der Philosophiegeschichte. Allzu leicht lässt er sich nämlich für stumpfen Antiintellektualismus vereinnahmen. Eine pointierte Engführung findet man bei Deleuze: Denken ist Tun, zumindest als Begriffsarbeit. Und ohne diese Arbeit wäre die Welt eine andere. Anschauliches Beispiel: Beim Philosophical Enactment I in der AdK am Hanseatenweg soll dieses Verhältnis ziemlich unmittelbar nachvollzogen werden. Tänzerin Padmini Chettur sucht nach den Wurzeln ihrer Tanzkunst in bis zu 2500 Jahre alten Hindu-Schriften. 21 Uhr, 13/ 7 Euro. Im Flutgraben e.V. wird um 0 Uhr der Art Prize im Rahmen der zugehörigen Party verliehen und im Acud macht neu steigt zugleich die Party des Monats (der zeitgenössischen Musik) – in beiden kann man selbst die Wurzeln des eigenen Tanzes enacten oder seine Philosophie tanzen.
Sonntagmorgen – Spätestens seit dem Dandytum verbringen Künstler bekanntlich gerne Zeit unter Menschen, von denen sie bewundert werden. So zumindest das Klischee. Schal um den Hals im Sommer, ausgefallene Projekte im Kopf, und jetzt? Wohin damit? Wie gut, dass es Künstlercafés gibt, in denen seit mehr als einem Jahrhundert schon sukzessive die heutige Brunchkultur vorbereitet worden ist. Eine literarische Führung zum Thema gibt im Literaturhaus, Fasanenstraße 23, Sebastian Januszewski um 11 Uhr.
Sonntagmittag – Wer etwas mit Automatic Writing, also automatischem Schreiben titelt, kann schon mal Verwirrung stiften. Zum einen handelt es sich dabei um eine Methode der Psychologie, ans Unbewusste heran zu kommen. Surrealisten und andere Literatinnen haben darin einen Weg gesehen, gehemmte kreative Potenziale zu entfesseln. Der Komponist Robert Ashley griff die Idee auf und transformierte sie in eine Kompositionstechnik, die auf seinem Tourette-Syndrom beruht. Er entwickelte eine Methode, sich selbst aufzunehmen, ohne sich dessen bewusst zu sein und schrieb auf dieser Basis ein Stück für diese aufgenommene Stimme, eine zweite Stimme, die seine automatischen Äußerungen ins Französische übersetzte, einen Moog Synthesizer und eine Orgel. Titel: Automatic Writing. „Automatic Writing 2.0“ lautet nun der Titel eines Teilprogramms des Internationalen Literaturfestivals. Dessen Thema: „Künstliche Intelligenz und die Literatur“. Hier das Programm. Hallesches Ufer 32
Sonntagabend – Und weil das Wochenende prinzipiell auch unter ganz verschiedenen Winkeln verlassen werden kann, hier drei Optionen: Die eskapistische mit Christophe Chassol. Der spielt ab 20 Uhr in der Volksbühne Material seines vierten Albums „Big Sun“, eine musikalisch-filmische Reise mit Jazz, Field Recordings und experimentellem Pop zu den Westindischen Inseln. Im Heimathafen setzt um 19.30 Uhr eine Art Neue-Musik-Big-Band namens „Arsenal of Democracy“ beträchtliche Luftvolumina mit fulminanter Bläsersektion und Rhythmusgruppe in Bewegung. Zu hören sind Werke der Neuen Musik im neuen Jazzgewand. Mit weniger Turbulenzen ist im Konzerthaus zu rechnen, wo die Akademie für Alte Musik das Wochenende mit Händel, Hertel, C.P.E. Bach und Fasch ausklingen lassen wird, ohne auch nur ein Staubkorn aufzuwirbeln. Gendarmenmarkt, Karten ab 16 Euro.