Radfahren in den Frühling, Neuköllner Geschichte und 100 Jahre Helga Goetze
Samstagmorgen – Glaubt man dem Wetter der letzten Tage, scheint der Frühling angekommen. Perfekt, um die eingerostete Radfahrkultur wiederaufleben zu lassen. Einige bewährte Fahrradwerkstätten, bei denen man sein Rad einem Frühjahrscheck unterziehen kann, sind die Radspannerei in Kreuzberg, Velophil in Moabit, die Fahrradstation in Mitte oder die Drahtelse in Alt-Treptow. Wer sein Rad gar nicht checkt und einfach losfährt, könnte bald die Hilfe einer der mobilen Werkstätten in Anspruch nehmen müssen, wie der RadAmbulanz im südwestlichen oder Cyclerep im östlichen Berlin – hier eine Liste mobiler Helfer für ganz Berlin. Apropos Helfer: Der Frühling lässt den Krieg in der Ukraine natürlich nicht vergessen. Dass man auch mit Fahrrädern Menschen helfen kann, zeigen seit geraumer Zeit verschiedene Lastenraddienste, die warme Speisen und Sachspenden an obdachlose Menschen verteilen – und dies nun auch in Ankunftszentren für geflohene Menschen aus der Ukraine tun.
Samstagmittag – Berliner:innen erinnern sich gut an sie: Ab 1978 war Helga Goetze viele Jahre lang nahezu täglich als eine Art Eine-Frau-Demo-Performance auf dem Ku‘Damm zu sehen, entrüstete Passanten mit einem unmissverständlichen Plädoyer für freie Liebe und uneingeschränkt ausgelebte, vor allem weibliche Sexualität als Grundbedingungen für den Weltfrieden. Mithilfe von Bannern, Strickbildern und dem Einsatz ihres eigenen Körpers zog sie alle Register, um ihre Botschaft in die damals noch schicke Einkaufsmeile zu tragen. Anlässlich ihres 100sten Geburtstags eröffnet das Märkische Museum heute um 11 Uhr mit einer Matinee zu ihrem Gedenken, bei der Originale der Künstlerin zu sehen und Freunde und Angehörige zu hören sein werden. Um 15 Uhr werden an ihrem Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof (Großgörschenstr. 12-14) Original-Tondokumente zu hören sein und ihre Gedichte vorgelesen.
Samstagabend – Wer sich angesichts der weltpolitischen Lage stumpf und leer fühlt, stimuliere doch seine Sinne mit etwas Kunst, die Hör- und Sehgewohnheiten herausfordert. Zum Beispiel von 10 Uhr morgens bis 21 Uhr in der Doppelinstallation ZOO im Pavillon am Milchhof (Schwedter Straße 232) von Daniela Fromberg und Stefan Roigk. Oder von 16 bis 20 Uhr in der Schau Klangkunst und Notation in der Galerie Errantsound (Rungestraße 20). Alternativ gibt es da noch, um 19 Uhr, eine Sprechperformance mit Musik von Lucía Hinojosa Gaxiola im Hilbertraum (Reuterstraße 31).
Sonntagmorgen – Ein „Soft Opening“, also nicht allzu exzessiv, soll die Eröffnung der Ausstellung Großstadt Neukölln. 1920 bis 2020 des Museum Neukölln werden. Ganz im Gegensatz zu ihrem Sujet: In den 1920er Jahren hatte der Bezirk einiges an Superlativen zu bieten. Das Kino Mercedes-Palast an der Hermannstraße und das Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz waren jeweils die größten Bauten ihrer Art in Europa. Die Hufeisensiedlung – seit 2008 UNESCO-Welterbe – wurde weltweit zur Ikone des sozialen Wohnungsbaus. Die Ausstellung will der Frage nachspüren, wie sich Neukölln seit der Eingemeindung zu Groß-Berlin im Jahr 1920 verändert hat. Zur weichen Eröffnung (in harten Zeiten) sprechen ab 12 Uhr Stadträtin Karin Korte und Direktor Matthias Henkel, dazu tritt die Percussionsgruppe der Musikschule Paul Hindemith auf, und im Anschluss gibt es Führungen durch die Schau.
Sonntagmittag – Denkt man daran, wie es früher einmal war, denkt man in der Regel wohl an die Welt vor Corona. Dass nach zwei Jahren Viruswelt nun auch dieser Abschnitt bereits Geschichte ist – wenn auch noch lange nicht abgeschlossene – zeigt Andrea Segres Film „Moleküle der Erinnerung“. Der Regisseur war gerade in Venedig, um eine Doku über die Gefahren des Tourismus und das Hochwasser zu drehen, als der erste Lockdown die Stadt menschenleer fegte und ihn so seines Sujets beraubte. Keine Touristen, ein leerer Canale Grande und auf der Piazza San Marco sind nur noch die Schreie der Möwen zu hören – perfekte Leinwand zur Projektion eigener Erinnerungen. So beginnt Segre, vor dem Hintergrund der leeren Stadt, seinem verstorbenen Vater auf die Spur zu kommen, der schon Jahre zuvor ein ganz anderes, lebendiges Venedig auf Video festgehalten hat – auch dessen Super-8-Material findet seinen Weg in den Film. Italienisch mit deutschen Untertiteln, 13 Uhr im Kino Filmkunst66 (Bleibtreustraße 12).
Sonntagabend – Den ersten Radsportrennen vor über 100 Jahren haftete noch etwas Abenteurliches an. Nicht nur galt der neumodische Drahtesel an sich schon als Kuriosität. Wer seinerzeit etwa die Strecke Wien – Berlin per pedales zurückgelegt hatte, kam am Brandenburger Tor mit reichlich Anekdoten von Begegnungen mit Mensch, Tier, Umwelt an. Wer eben dieses Abenteuerliche im heutigen Radsport vermisst, findet es in der Randonneurs-Kultur wieder. Randonneure sind Langstreckenfahrer:innen, die sich allein oder in Gruppen zu sogenannten Brevets oder Audax-Fahrten aufmachen, und das ausdrücklich ohne Wettkampfcharakter. Ein Blog, in dem man sich ein Stimmungsbild solcher Fahrten holen kann, ist der der Berlinerin Eva Ullrich. Wie es sich in etwa anfühlt, am frühen Morgen, nach nonstop durchfahrenen 24 Stunden bei Kilometer 425 nicht mehr zu können und noch knapp 300 Kilometer bis Karlsruhe sich zu haben, erfährt man hier ebenso, wie das ein oder andere zu Vorbereitung und Material. Wer lieber in der Gruppe fährt, schaue sich mal bei den Randonneuren Berlin Brandenburg um – hier gibt es zahlreiche Strecken und Termine zu gemeinsamen Fahrten, von denen einige auch offiziellen Charakter haben: Die werden dann nämlich zertifiziert. Wozu das? Wer innerhalb einer Saison je eine 200, 300, 400 und 600 Kilometer lange Fahrt nachweisen kann, qualifiziert sich für die Königin aller Brevets: 1200 Kilometer Paris – Brest – Paris. Nonstop versteht sich. Dann mal gute Fahrt!