Wochniks Wochenende: Kleiderschick, Honecker-Style und Selbstliebe
Samstagmorgen – Vor 30 Jahren noch der Wurmfortsatz Westberlins, ist Kreuzberg heute eines der Herzen der Stadt. Und das Herz Kreuzbergs ist der Kotti. Regelmäßig sind hier Gruppen waghalsiger Abenteurer auf Kiezsafari auszumachen, die später daheim, zum Beispiel in Tübingen, einer staunenden Menge vom knappen Überleben am Rande von Bandenkrieg und Drogensumpf erzählen. Wer auf solchen Sensationstourismus keine Lust hat, kann am Kotti aber auch gut abtauchen. Etwa im Aquarium (Skalitzer Straße 6). Der zum Südblock gehörige Bau bietet ortsnahen Initiativen und Besucherinnen Platz zu Arbeit, Präsentation, Information, dazu Frühstück, Brunch und Kaffee ab 1,90 Euro. Das Thema heute lautet „Restitution des afrikanischen Kulturerbes in europäischen Museen“. Um 10 Uhr trifft sich zunächst eine Gruppe zur „kritischen Museumsführung“ am Bode-Museum (Am Kupfergraben), um 13 Uhr beginnt dann im Aquarium die Konferenz zum Thema. Zur Anmeldung hier entlang.
Samstagmittag – Wer dem Jahresend-Konsumwahn ein klimafreundliches Schnippchen schlagen, aber trotzdem nicht aussehen möchte, wie letzten Winter, sehe einfach aus, wie jemand anderes letzten Winter. Das Prinzip Kleidertausch macht es möglich, führt zu mancher Selbst- und Fremdfindungserfahrung, aufregenden Verflechtungen und glänzender Ökobilanz. Daneben fördert es auch noch das lokale Handwerk – Änderungsschneidereien erwarten schon sehnsüchtig Ihre Wünsche. 16 Uhr beim Sekundär-Schick-Salon Treskowallee 101, S-Bhf Karlshorst
Samstagabend lassen sich die neuen Identitäten auf ihre Gesellschaftsfähigkeit hin überprüfen. Sicherheitshalber zunächst noch in einer in Modefragen naiven Umgebung mit Anklängen bei Tierwelt, Dschungel und Safari, aber auch elaborierten Vergleichsmöglichkeiten etwa bei Design-Ikone Erich Honecker. Dies in der Performance zur „All Animals am I“-Ausstellung in der Saarländischen Galerie, Charlottenstraße 3, U-Bhf Kochstraße (20 Uhr, Eintritt frei). Wer den Augen nach dem Kleiderkauf hingegen mal eine Pause gönnen möchte, findet in der Villa Elisabeth (Invalidenstraße 3, U-Bhf Rosenthaler Platz, 10/ 7 Euro) ein außergewöhnliches Hörprogramm: Das Synthesizer-Trio Lange/ Berweck/ Lorenz (siehe Mein Wochenende mit…) spielt Auftragskompositionen von Kirsten Reese, Bernhard Lang und Malte Giesen, das zwischen verschiedenen Traditionen interessanteste Brücken schlägt.
Sonntagmorgen – Wem bei der morgendlichen Zeitungslektüre gerne der ein oder andere besserwisserische Kommentar entfährt, versuche sich mal beim Bildungsbrunch im Essentis Ecohotel. Neben der basalen Versorgung mit „Kaffee, Tee, Brötchen und Butter“ wird das Thema Klimawandel aufgetischt. Maître Christoph Schneider, Professor am Geografischen Institut der HU, führt kommentierend durch das Menü. Verköstigt werden unter anderem auf 1,5 bis 2 Grad temperierte Klimaziele, zart schmelzende Polkappen in steigendem Meeresspiegel sowie zivile und politische Handlungsoptionen, das einem das Gletscherwasser zusammenläuft. Vorlaute Klimaskeptiker mit halbgaren Theorien sind willkommen – das Laserskalpell, mit dem diese zerlegt und dann häppchenweise neu verteilt werden, ist gerade frisch kalibriert. Weiskopffstraße 16/17, 11 bis 15 Uhr, Anmeldung über berlin@lernkulturzeit.de
Sonntagmittag – Es gab eine Zeit, in der objektive wissenschaftliche Wahrheitsansprüche pauschal gegen die Subjektivität der Künste ausgespielt wurden. Bis, erstaunlich spät in der Geschichte, einigen Denkern auffiel, dass eigentlich nichts dagegen spricht, auch die Subjektivität zu objektivieren. Mitunter muss eben das noch heute umständlich vermittelt werden. Ganz unmittelbar, um den Kreis zu schließen, leisten genau das immer schon die Künste. Mit welcher Deutlichkeit objektiv unstrittige Subjeke objektive Fakten schaffen, zeigt ab 16 Uhr etwa das großartige Berliner Splitter Orchester zusammen mit dem schwedischen Ensemble Skogen sowie Oren Ambarchi und Will Guthrie. 38 Musikerinnen bilden einen lichten, klanglich aber dichten Wald, der sich über das gesamte Gelände des Silent Green verteilt, um eine Improvisationsmusik zu erschaffen, die vor allem räumlich erfahrbar wird. Der Titel Counterbalance weist darauf hin, dass die widerstrebenden subjektiven Absichten der Musiker betont werden, am Ende dennoch ein großes Ganzes entsteht. 15 Euro, Gerichtstraße 35, U-Bhf Wedding
Sonntagabend – Zum objektiven Gipfel der Subjektivität wird schließlich der Gipfel des Pfefferberg. Die selbstverliebte Siciliano Contemporary Ballettcompany möchte dem Publikum ein Geschenk machen, indem sie die Selbstliebe stimuliert. Genau zur richtigen Zeit, um sich innerlich auf dunkle Winternachmittage in wohliger Gegenwart seiner Selbst und des eigenen Narziss einzustimmen, der den eigenen Humor genau trifft, überwiegend einer Meinung mit sich ist und einen auch ohne Worte versteht. Das wird schön. „The Gift“, 18 Uhr, 18/ 12 Euro im Theater auf dem Pfefferberg, U-Bhf Senefelderplatz