Stadtleben
Samstagmorgen – Während jeder Haushalt im Lockdown mehr oder weniger zur einsamen Insel wird, allerorten Signale ausgesendet, Leuchtfeuer entfacht werden und man sich an das, was man schon hat, hält, um durch die Wartezeit zu gelangen, ist wenigstens die Flaschenpost modernisiert. Wer zum Beispiel kein Süßwasser auf seiner Insel findet, bestellt es einfach. In Flaschen abgefüllt, per Boten geliefert, ohne die Unwägbarkeiten ozeanischer Weiten.
Samstagmittag – Apropos Moderne: Einer der Höhepunkte der russischen Avantgarde bestand in der futuristischen Vision der Abschaffung der Sonne zur Errichtung einer elektrischen Nacht — mit der Oper „Sieg über die Sonne“ feierten vier Herren diese ultimative Emanzipation des Menschen von der Natur. Unter ihnen auch ein gewisser Kasimir Malewitsch, der für das Bühnenbild sein berühmtes schwarzes Quadrat entwarf. Dabei hatte alles so unschuldig begonnen, eben im Sonnenlicht, mit Lichtmalerei impressionistischer Art. Zum „Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde“ zeigt das Museum Barberini eine vielschichtige digitale Ausstellung mit Tour, 360°-Rundgang, Talks, Videos und natürlich Yoga. Unter allen, die uns bis 12 Uhr schreiben, verlosen wir 5 Online-Tickets.
Samstagabend – Klingende Artenvielfalt: Nur ein Bruchteil aller in den Regenwäldern der Erde tönenden Vögel ist bislang entdeckt, beschrieben und katalogisiert. Das Verschwinden jeder unbekannten Vogelstimme verändert das symphonische Gesamtgefüge des Regenwalds und deutet somit akustisch auf die Veränderung der Verhältnisse im Regenwald. Einen etwas anderen Dreh zum Thema vermitteln Dominik Eulberg und Kim Ortega am Museum für Naturkunde, mit dem nicht ganz auf der Hand liegenden Themenfeld Umwelt, Wissenschaft und Techno. Die Idee ist, den Begriff der Biodiversität auf die kulturelle Sphäre zu übertragen und quasi mit Carl von Linné um 19 Uhr über die bedrohte Clubkultur nachzudenken. Untermalt von elektronischen Beats.
Sonntagmorgen – Der 4. Advent, wie schön. Früher, lange vor unserer Zeit, landeten alljährlich zwischen 28 und 30 Millionen mit Pestiziden und Wachstumsbeschleunigern vollgepumpte Bäume in deutschen Wohnzimmern, denen feierlich beim Sterben zugeschaut wurde, bis sie am 6. Januar aus Fenstern flogen. Zum Glück leben wir ja in anderen Zeiten, in denen es die umweltbemühte Alternative Biobaum (hier eine vom NABU empfohlene Händlerliste) gibt. Oder den regenerativen Baum, der nur aus der Spitze einer größeren Tanne besteht. Die sauberste Baumvariante dürfte der Mietbaum (hier oder hier) sein, der im Kübel Erde nach Hause geliefert, im Januar wieder abgeholt und in sein natürliches Habitat zurückverpflanzt wird. Die meisten klimabemühten Bäume dürften nur wenige Coffee to go extra kosten. Wer so richtig am Baum sparen will: Die günstigste Alternative heißt noch immer gar kein Baum.
Sonntagmittag – Großen Spaß mit Langeweile hatte schon Martin Heidegger, dem sie als Voraussetzung zum philosophischen Denken galt. Wer es ihm gleichtun will, beobachtet ab 16.16 Uhr bis Montag um 9.54 Uhr (also 45 Minuten vor Sonnenuntergang bis 45 Minuten nach Sonnenaufgang) die Wintersonnenwende im Livestream aus Stonehenge und genehmige sich ein Glas reinen Weins, um den braunen Beigeschmack zu übertönen, den die Nazis in Anlehnung an nordische Mythen solchen Naturereignissen verpasst haben. Oder folge ab 17 Uhr dem Online-Vortrag von Adrian Rohfelder über Fotografie an den entlegensten Winkeln der Erde, um den Blick etwas zu weiten.
Sonntagabend – Statt auf alte Steine, setzt das Ensemble des Rambazamba-Theaters unter Jacob Höhne auf die Zukunft. Mit der Dada-Webserie Superforecast trifft es dabei Voraussagen, die nicht nur stimmen, sondern auch ästhetischen Mehrwert liefern sollen. Gar nicht leicht, es sei denn man holt sich kompetente Verstärkung von Martin Kippenberger, der als Künstler sowieso ausgewiesener Zukunftsexperte war, sich aber mit dem Gedicht „wieder ne Woche“ eine absolute Vorreiterrolle in der Wahrsagerei gesichert hat. Um 19.30 Uhr startet die dritte Folge, vergangene sind im Vimeo-Kanal des Theaters nachzusehen.