Nachtschwärmer aufgepasst, die Tage werden wieder länger
Der Winter geht, es riecht schon hier und da nach Frühling. Bevor der aber kommt, gilt es, noch einmal den langen Nächten zu huldigen. Die Wochenendtipps von Thomas Wochnik
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Samstagmorgen – Weil im Dunkeln gut Munkeln ist, aber die Tage mit dem bedrohlich aufziehenden Frühling wieder zunehmend länger werden, wird im Weddinger Sprengelhaus (Sprengelstraße 15, U-Bhf Amrumer Straße) die Nacht verlängert. Bei der Gelegenheit wird ganz generell der Umgang mit der dunklen Seite des Tages geschult, sowie die Raumwahrnehmung über das Gehör. Somit steht einem zukünftigen Leben unter Tage oder auf der Rückseite des Mondes nichts mehr im Wege. Von 10 bis 14 Uhr wird im Gymnastiksaal mit den Ohren gesehen. 37 Euro kostet die Verdunkelung der Tatsachen. Wieder bei Sinnen, lasse man seinen Mehrwegbecher anschließend mit ausgezeichnetem Kaffee im Göttlich befüllen und schlendere damit zum Nordufer und immer weiter nordwärts, bis der Hohenzollernkanal fast den Plötzensee berührt, aber nur fast, aus dramaturgischen Gründen. Weil keine gute Geschichte – also auch nicht das Wochenende – mit einem Happy End beginnt.
Samstagmittag – Apropos Ende, kaum hat AKK ihren Rücktritt erklärt, war schon vom Ende der Frauen-Ära die Rede. Wer solche hirnrissigen Aussagen nicht auf sich sitzen lassen möchte aber nicht weiß, was er oder sie tun kann, ist schon länger bei Polis180 an einer guten Adresse. Der europäische Graswurzel-Thinktank will vor allem jungen Menschen den Zugang zur Politik ermöglichen, indem er nicht nur Analysen, sondern auch Lösungsoptionen anbietet und über Partizipation aufklärt. Von 14 bis 18 Uhr geht es in einer offenen Diskussionsrunde im ACUD macht Neu (Veteranenstraße 21, U-Bhf Rosenthaler Platz) um das Thema Migration, genauer: Polis180 wollen einen eigenen Programmbereich zum Thema inhaltlich gestalten und ausrichten, um in Zukunft eben in Sachen Migration politische Beratungsarbeit und Lobbyismus zu betreiben. Interessierte wie Expertinnen sind gleichermaßen zum Mitreden eingeladen – eine Gelegenheit also, sich in mögliche politische Weichenstellungen einzubringen. Anmeldung hier.
Samstagabend – Die arabische Knickhalslaute Oud gilt im Jazz längst nicht mehr als exotisches Instrument – kennt man den kulturellen Kontext, dem die Oud entstammt, ist das auch keineswegs überraschend. Denn die Improvisation über klassische Formen der arabischen Musik dürfte der Haupteinsatzzweck des Instruments sein. Gleichzeitig ist der Kontrabass im arabischen Raum kein wirklicher Exot mehr. Beide teilen sich heute die Bühne des Donau115 (Donaustraße 115, U-Bhf Rathaus Neukölln), um authentische Musik aus der Levante mit Jazzelementen zu verbinden. Dazu Perkussion und eine Gesangstimme, die zweisprachig vorträgt: Arabisch und Hebräisch. Eintritt auf Spendenbasis. Wem die Großstadtnacht zu grell ist und wer am Morgen noch nicht genug Dunkelheit getankt hat, kann seine Finsternis ab 0 Uhr im OHM beim Danse Noire noch vertiefen. Dunkler als hier wird man heute nicht mehr durch die Samstagnacht kommen (Köpenicker Straße 70, U-Bhf Heinrich-Heine-Straße).
Umso heller wird anschließend der Sonntagmorgen, den man mit einem Spaziergang durch den Tiergarten begehen kann, um gleich um 11 Uhr im großen Saal der Philharmonie Platz zu nehmen, wo Yukari Ishimoto und Tristan Benveniste das Orchester Berliner Musikfreunde und das Streichquartett Opus 76 aus dem französischen Rouen dirigieren. Auf dem Programm steht ein etwas zusammenhangslos zusammengewürfelter Fargmente-Kompott aus Beethoven, Bizet, Mahler und Mussorgsky. Dafür haben Autogrammjäger besonders gute Chancen, hier einen Fang zu machen, wenn sich das ein oder Sternchen vom roten Berlinale-Teppich auf der anderen Straßenseite in eine musikalische Auszeit verirrt. Eintritt 10 bis 29 Euro
Sonntagmittag – Hell-Dunkel-Kontraste der Musik waren schon immer auch Gegenstand der bildenden Künste – wie auch nicht, so gut wie alle Kunst bis in die Moderne strebte nach Universalität, entsprechend haben sich schon einige an der Frage der Übertragung von Klängen ins Visuelle und vice versa abgearbeitet. Man betrachte allein die Geschichte des Farbenklaviers oder Vassily Kandinskys Aufzeichnungen zum Thema. Im Deutschen verbinden sich beide Sinne nicht zuletzt im Begriff der Klangfarbe. Erschöpfen scheint sich das Thema nicht. Beispiel: Der Maler Bernhard Paul hat sich insbesondere der Neuen Musik nach Schönberg angenommen, um kompositorische Prinzipien auf die Leinwand zu übertragen und zeigt im aktuellen Zyklus „graue Sinfonie“ eine Auseinandersetzung mit eben der titelgebenden, unbunten Farbe. Heute ist die letzte Gelegenheit, um 18 Uhr beginnt die Finissage in der Schönleinstraße 25 (U-Bhf Schönleinstraße).
Sonntagabend – Wer in seiner Einer-WG die Gesellschaft seiner Selbst manchmal einfach nicht erträgt, muss nicht gleich verzweifeln. Autor und Regisseur Jan Kosslowski bietet in seinem aktuellen Stück nämlich „Ferien vom Ich“. Ein selbstloser Badeurlaub an der Ostsee soll hier mit der Leichtigkeit einiger feiner impressionistischer Pinseltupfer eingefangen werden – im übertragenen Sinne versteht sich, die Tupfer setzen keine Maler sondern die Regie. Wem das zu kompliziert klingt, mache sich am besten selbst ein, äh, Bild von der Sache. Zum Beispiel in der Vorstellung heute um 20 Uhr im Ballhaus Ost, Pappelallee 15, U-Bhf Eberswalder Straße.