Dieses Wochenende geht die Sonne 24 Stunden lang auf
Ein Kunstprojekt reist am Samstag mit der Sonne um den Globus – 24 Stunden Sonnenaufgang. In Berlins Ausgeh-Kiezen kann man zeitgleich Zeitgeschichte erlaufen. Von Thomas Wochnik
Foto: Kay Nietfeld/dpa
Samstagmorgen – Der Sonnenaufgang ist ein flüchtiges Phänomen, das nur wenige Minuten dauert. Falls Sie diese Zeilen im Bett lesen, haben Sie ihn höchstwahrscheinlich schon verpasst. Zumindest akustisch können Sie es aber noch nachholen, denn das Londoner SoundCamp-Kollektiv hatte eine Idee: Für ihr Projekt „Reveil“ haben sie Sound-Künstlerinnen rund um den Globus in Städten, Regenwäldern und unter Wasser eingeladen, ihre Mikrofone zum heutigen Sonnenaufgang aufzubauen und die Signale an denselben Server live zu senden. Und weil die Sonne nicht überall zugleich aufgeht, entsteht eine 24-Stunden-Dauersendung, die immer weiter von einer zur nächsten Station überblendet. Beginn der Übertragung war natürlich um 5 Uhr nach Greenwich Zeit, bei uns also um Punkt 6. Erst Sonntagfrüh wird überall auf dem Planeten Samstagmorgen gewesen sein.
Samstagmittag – Kein Bier vor vier, schon klar. Früher wird man jetzt auch nicht an das Bräu kommen, denn die Bar Beereau verkauft eben erst ab 16 Uhr ihre Vorräte aus und schließt im Anschluss bis auf Weiteres den Betrieb wegen der allgemeinen Lage. Am Freitag soll das Sortiment noch über 250 Sorten aus aller Welt umfasst haben. Heute ist der letzte Tag des Ausverkaufs in der Claire-Waldoff-Straße 4 (U-Bhf Oranienburger Tor). Um 20 Uhr ist es vorbei.
Samstagabend – Statt sich nun mit Kaltgetränk in der Hand in gewohnten Video-Bilderfluten zu betten, wie wäre es damit, sich von einer verwirrten, streckenweise nervig und unverständlich faselnden oder völlig zusammenhanglos vor sich hin assoziierenden Sprechstimme in den Tagesausklang geleiten zu lassen? In der Reihe New Empathies findet um 20 Uhr eine Online-Performance des spanischen Tänzers Juan Dominguez statt. „My only Memory“ soll wie eine Reise der inneren Stimme durch Erinnerungen und Assoziationsräume sein, die dem Performer als vollwertiger Körperersatz genügen soll. Aus technischen Gründen erfordert die Teilnahme am Stream (of consciousness) eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail.
Sonntagmorgen – Die räumliche Bewegung mag zurzeit eingeschränkt sein. Einen Ausweg aus dem Stillstand bietet dafür einmal mehr die Geschichte. Genauer, „Bilder und Geschichten einer Großstadt“. So lautet die Unterüberschrift zum Archivprojekt 1000 x Berlin, das in Kooperation zwischen Berliner Regionalmuseen und der Stiftung Stadtmuseum Berlin ins Leben gerufen wurde. Die Seite enthält dermaßen reiches und schön aufbereitetes Material, dass man leicht die Zeit aus den Augen verliert und ihn verpasst, den…
…Sonntagmittag. Sie haben die Online-Ausgabe des XJazz-Festivals letzte Woche verpasst? Kein Problem, auch der heutige Tag lässt sich ja anjazzen. Zum Beispiel mit dem Köllner Pianisten Pablo Held. Der ist nicht nur am Instrument versiert, sondern pflegt seit 2018 den Videoblog „Pablo Held Investigates“, für den er schon solche Koryphäen wie Steve Swallow, Dave Holland oder Helge Schneider gewinnen konnte. Das Besondere ist aber, dass sich seine Gesprächspartner ihm als Kollegen ganz anders öffnen, als zum Beispiel einem Journalisten. Etwas Nerd-Talk liegt dabei in der Natur der Sache, die aber zu einem immer imposanteren Zeitdokument wächst. Teils auf Deutsch, überwiegend auf Englisch wird hier viel wirklich über Musik gesprochen, statt nur über die Leute und das Geschäft drumherum.
Sonntagabend – Zum Wochenendeende hin soll sich die Wetterlage zunehmend ausgehfreundlich stimmen (mal sehen!) und schon hört man Zyniker zwischenrufen, nur nachts sei schönes Wetter. Dabei ist das doch ideal, zumal bei Sonnenschein in manchen Gegenden kaum ohne die gebotene Distanz durchzukommen ist. So, wie in dieser Zeit, haben Sie die Ausgehzonen der Stadt bei Nacht noch nie erlebt – Menschenleere nahe geschlossener Clubs und Bars, wo man sich noch im Februar in einem die Sinne überflutenden Farben-, Stimmen- und Körpermeer verlor. Klar ist das eine Unternehmung für Melancholiker. Aber auch ein Stück Zeitgeschichte, das vorbei sein wird, wenn es vorbei sein wird.