Mit Essen spielt man eben doch
Gegen die Corona-Langeweile ist unserem Kolumnisten jedes Mittel recht. Musik macht er mit Gemüseinstrumenten. Die Wochenendtipps für Checkpoint-Abonnenten. Von Thomas Wochnik
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Samstagmorgen — Allzu lange galt das Spielen mit dem Essen in bürgerlichen Haushalten als unschicklich. Gut für uns, denn so ist einiges ungenutztes Potenzial auf dem Gebiet der Speisen-Ludologie ungenutzt liegengeblieben und wir können tatsächlich noch Neuland betreten. Zumal die fortwährende Entwicklung neuer Rezepte und Speisen das Feld immer wieder neu aufmischt – klar im Vorteil ist, wer die tägliche Rezeptkolumne auf der Tagesspiegel Genussseite verfolgt. Sicheres Neuland, zumindest an den meisten Frühstückstischen, ist das klassische Gemüseorchester. Wie man sich zum Beispiel eine Karottenflöte baut, erfahren Sie hier. Echtes Neuland, weil bislang nicht existent, sind etwa Bassmelone, „Viola da Kürbis“ oder auch das vielversprechend klingende „Cor Ingwer“, man muss nur seinen wilden Ideengarten etwas wässern und den Dingen ihren Lauf lassen.
Samstagmittag — Für Ihre musikalischen Erzeugnisse könnte sich anschließend auch das Museum Europäischer Kulturen interessieren. Die Dokumentation von Alltagskultur seit dem 18. Jahrhundert ist das Kernanliegen des Hauses. Aktuell hat es einen Aufruf an Menschen in ganz Europa gestartet, Eindrücke und Dokumente vom Ausnahmealltag einzureichen. Der Aufruf ist Teil einer Online-Initiative der Staatlichen Museen zu Berlin, die auch eine Sammlung von Musik in Ausstellungen der Neuen Nationalgalerie samt eigener Spotify-Playlist umfasst, sowie den Ausbau des smb-Youtube-Kanals mit Geschichten aus Bode Museum, Museum Berggruen, der Sammlung Scharf-Gerstenberg und anderen.
Samstagabend – Wer hat in letzter Zeit nicht das Gefühl, mitten in einem dystopischen Roman gelandet zu sein? Was läge also näher, als diese Gegenwartserzählung mit literaturwissenschaftlichen Mitteln zu hinterfragen, ihre Sprache und Stilmittel, Figuren und Plot Twists sowie mögliche Fortsetzungen bis hin zum (Happy?) End zu erforschen? Genau das möchten das Literaturkollektiv Kabeljau & Dorsch und das Literaturhaus Berlin im gemeinsam produzierten Podcast „Call for Fiction“. Der Reihe liegt das Kettenbrief-Prinzip zugrunde: In jeder Folge wird mit einem Gast gesprochen, der am Ende den nächsten benennt, wodurch Zukunft und Ende offen bleiben. Den Anfang macht der apokalypsenerfahrene Schriftsteller Juan S. Guse.
Wer am Sonntagmorgen das Vogelgezwitscher bewundert und sich dabei, wie so viele Komponistinnen der Geschichte, inspiriert fühlt, baue sich doch einen Synthesizer. Klingt komplizierter, als es ist und Erfahrung mit dem Billyregal ist eigentlich schon Überqualifikation, wenn man sich am „Korg Nu:Tekt“-Bausatz versucht, an dem bereits alle Elektronik vorverlötet ist und zum finalen Instrument nur noch eine Handvoll Schrauben zu versenken ist. Die Grundlagen der Audiosynthese sind an dem Minisynthesizer spielend erlernbar und neben bekannten Sounds aus 80er-Jahre Popsongs ist das naive Vogelgezwitscher eine seiner leichtesten Übungen. Zu beziehen ist er über den einschlägigen Online-Musikalienhandel und hält garantiert länger als die Karottenflöte.
Sonntagmittag – Apropos do-it-yourself: Wer mit dem Frühjahrsputz auch ummöblieren möchte, aber von den üblichen Katalogeinrichtungen gelangweilt ist, lege selbst Hand an. Mit Inspiration geizt das Netz kein bisschen. Seiten wie Schereleimpapier.de, solebich.de oder DIY-Academy liefern Bauanleitungen und nachhaltige Upcycling-Ideen, über die sich Archäologen ferner Zukünfte freuen werden.
Sonntagabend – Wem das intensive Wohnen zurzeit allerdings sowieso schon bis Oberkannte Dachbalken steht, kann sich zumindest zum Schein in den Urlaub versetzen. Die Influencerin Natalia Taylor hat es kürzlich mit Fake-Kulissen bei Ikea vorgemacht, dann eröffnete in Berlin ein Selfie-Museum – zurzeit natürlich geschlossen. Eine Alternative: Verschicken Sie doch Postkarten aus dem Ausland, ohne sich weiter als bis zum nächsten Briefkasten zu bewegen. Die Karte schreiben Sie selbst, stecken sie in einen Umschlag und schicken sie an Alibi-Urlaub. Die Post geht anschließend weiter ins gewünschte Urlaubsland, wo sie ausgepackt, in der Landeswährung neu frankiert und an den Wunschempfänger geschickt wird. Der können natürlich auch Sie selbst sein – die passenden Erinnerungen an den besten Urlaub aller Zeiten werden sich mit ein wenig Autosuggestion und Selbsthypnose schon einstellen.