Ganz autobefreit durch Mitte flanieren
Berlin-skeptische Besucher sollte man für einen schönen Konsumrausch zur Friedrichstraße schicken, empfiehlt unser Kolumnist. Auch für Ur-Berliner hat er Tipps.
Samstagmorgen – War es letztes Wochenende der Marathon, der die Innenstadt lahmlegte, ist es heute Bürgermeister von Dassel, der zum Shoppen in die Friedrichstraße einlädt – morgen ist nämlich nicht nur verkaufsoffener Sonntag, sondern die Friedrichstraße das ganze Wochenende über autofrei. Wer Besuch hat, der sich mit Görli, Boxi & Co, sagen wir, schwertut, kann ihn hier einem kuratierten Konsumrausch überlassen, der von allen Gefahren der Hauptstadt ablenken wird. Sich selbst gönnt man derweil einen ausgezeichneten Kaffee in der Markthalle IX. Da findet nämlich gerade das Coffee Festival statt, das mit der Vorstellung zahlreicher Röstereien, mit Vorträgen, Workshops und Verköstigungen die Kaffeekultur zelebriert. Und weil der Görlitzer Park fußläufig zu erreichen ist, kann man seien Mehrweg-Thermosbecher auch dort leeren und Muster in der dichten Wolkendecke ausmachen oder einer der unvermeidlichen Acro-Yoga-Gruppe beim Workout zuschauen.
Samstagmittag – Wer dabei selbst Bewegungsdrang entwickelt, kann den in der ehemaligen Postfiliale am Halleschen Ufer 60 ausleben. Das inoffizielle HAU5 (wo das HAU4 liegt, ist übrigens ein gut gehütetes, HAU-internes Geheimnis) ist für die Dauer des „Berlin bleibt!“-Programms ein zusätzlicher Ausstellungs- und Diskursraum, der als Parabel auf die Problematik fungiert, der sich das Festival widmet: Das leichte Leben in diesen Räumen spielt sich nämlich unter einer Art Damokles-Birne ab, denn das Gebäude wird demnächst vermutlich dem Erdboden gleichgemacht. Ab 13 Uhr wird dem drohenden Untergang aber noch mit einer Kiez-Party getrotzt, bei der unter anderem der beliebte Dabke-Tanz getanzt wird (mehr dazu unten im Interview). Passend zu Görli und Abrissästhetik hält um 16 Uhr Gerfried Ambrosch im SO36 einen Vortrag mit dem Titel „Poetry of/ Punk / Matters“, für den er von zahlreichen Interviews und einem bewegten Leben zehrt.
Samstagabend – Apropos Abriss: Wem beim Begriff Pixies gerade nichts einfällt, tippe kurz „Schlussszene“ und „Fight Club“ in seine Lieblingssuchmaschine. Während am Horizont Bankentower einstürzen und zwei Liebende zueinanderfinden stellt in der weit im Vordergrund stehenden Hintergrundmusik Pixies-Sänger Frank Black die Frage nach dem Verbleib seines Verstandes. Eben er und seine Band spielen heute um 20 Uhr in der Columbiahalle ihre Fassung eines Soundtracks für die heutige Zeit – leider ausverkauft. Macht aber nichts, denn ein wenig so, wie die Musik der Pixies auf viele Genesis- und Eurythmics-Hörer der späten 80er gewirkt haben wird, dürfte es die von Manual of Errors auf Teile ihrer heutigen Hörerschaft. Das Label „Jazz“ wird einige Puristen empören, was das Ganze für alle anderen umso bereichernder macht. Der Eintritt ins Peppi Guggenheim ist frei, um eine Spende für die Band wird gebeten. 21 Uhr, Weichselstraße 7
Sonntagmorgen – Wem beim Begriff „Hacken“ Bäume und Beile in den Sinn kommen, lasse sich von seiner USB-Maus an die Hand nehmen und wieder vom Holzweg abbringen. Im Gegensatz zum Holzhacken sollte beim „Hackathon“ im Weddinger Silent Green weniger Lärm (ohne Gewähr), dafür umso mehr computer– und informationstechnologische Ethik zu erwarten sein, die anders als Feuerholz eher Gemüter und Herzen entflammen könnte. Das diesjährige Jugend Hackt ist besonders daran interessiert, herauszufinden, welchen Beitrag junge Hacker zum Klimaschutz leisten können und präsentiert die Ergebnisse von drei Tagungstagen ab 11 Uhr in der Gerichtstraße 35 – das Klima als virales Thema…
Sonntagmittag – …ist natürlich längst auch in der Politik angelangt. Um 11 Uhr stellt am Deutschen Theater Bernd Ulrich mit Maria Exner von der Zeit, Schauspieler Ulrich Matthes und Piaist Igor Levit sein Buch „Alles wird anders, das Zeitalter der Ökologie“ vor. Die Kernthese: Statt eine Politik zu entwickeln, die groß genug für das Klima ist, wird das Klimaproblem so weit zurechtgestutzt, dass es zur gängigen Politik passt. Wer anschließend in Ruhe darüber nachdenken möchte, kann seine Kinder in die fähigen Hände von Jacqueline van de Geer geben, die in der Jugendbibliothek der AGB einen Improvisationsworkshop gibt, den man auch als Intuitionstraining beschreiben kann: Es geht darum, eigene spontane Impulse wahrzunehmen und unmittelbar nach ihnen zu handeln (14-16 Uhr, Blücherplatz 1, U-Bhf Hallesches Tor).
Sonntagabend – Von kindlicher Abenteuerlust zu wirklich Abenteuerlichem: Seenotretterin und Kapitänin Carola Rackete ist im Kino Babylon zu Gast, wo der an Bord ihrer SeaWatch3 gedrehte Dokumentarfilm gezeigt wird. Vertieft werden die Eindrücke im anschließenden Podiumsgespräch mit den Regisseuren Nadja Kailouli und Jonas Schreijäg sowie Filmkomponist Nils Frahm. Aufgrund der hohen Nachfrage ist die 20-Uhr-Vorstellung längst voll, weshalb kurzfristig ein zweites Screening für 22.30 Uhr anberaumt wurde. Hier lang zu den Tickets (9 Euro).