Beim UdK-Rundgang ist das schlechte Wetter ganz egal
Samstagmorgen – Erinnern Sie sich an Zeiten, in denen das Gespräch übers Wetter als Paradebeispiel unverfänglichen Small Talks galt? Die sind natürlich längst vorbei. Das zeigt sich nicht nur im großen Maßstab der Klimakrise. Auch wer Gilberto Gil sehen will, aber den Kartenvorverkauf verpasst hat, steht möglicherweise im kalten Juliregen. Das HKW hält ein Kontingent Schönwetter-Tickets an der Abendkasse bereit – die Wettervorhersage lässt aber wenig Hoffnung auf deren Herausgabe. So ist das mit den großen Namen. Der Top Act des Wassermusik-Festivals bleibt voraussichtlich unerreichbar, man beobachte bei Interesse die Homepage. Und lasse sich beim Stöbern vielleicht doch versöhnlich stimmen, denn da ist noch einiges mehr los – auch so ist das mit den großen Namen: Manches Gute verschwindet in ihrem Schatten. Thema des Festivals: „Black Atlantic Revisited“.
Samstagmittag – Erst letzte Woche war ein Rundgang in Weißensee – dieses Wochenende an der UdK. Zwei zeitlich getrennte Programme, kein Entweder-Oder, „Perfekte Zustände“, könnte man meinen und läge damit falsch, denn genau so lautet der Titel der Abschlussausstellung der Weißenseer Kunsthochschule. Und die öffnet ebenso heute, wie der UdK-Rundgang. Es ist durchaus üblich, dass sich bei der Gelegenheit Kuratorinnen, Galeristen und Sammler nach Berlin begeben, um ins eigene Programm passende Perlen zu sondieren. Was aber machen die geschätzt 99 anderen Prozent, die das Berliner Kulturleben ausmachen, aber nie so erfolgreich werden wie die Gilberto Gils, JRs, Adrian Pipers oder Ray Johnsons dieser Welt? Zum Beispiel Führungen durch deren Ausstellungen geben, wie im Museum Frieder Burda (16 Uhr, Auguststraße 11-13).
Samstagabend – Oder Sie machen auf geheimnisvoll. Was heute Abend auf dem Galerieschiff Hošek Contemporary konkret geschieht, ist nämlich Verschlusssache. Unkonkret handelt es sich um „Performance Art“, bei der man zuschauen oder teilnehmen kann, soweit die PR. Wem das Unwissen zu ungemütlich ist, kann sich ab 19 Uhr mitAustern und Vodka auf dem House of Weekend etwas pseudo-sibirische Herzenswärme anschlürfen, da steigt nämlich ein kleines „Rooftop-Fest“. Und das dürfte wiederum anschlussfähigen Gesprächsstoff für die Aftershow-Party des Feldkunst-Festivals liefern, das ebenfalls open air, also auf dem Tempelhofer Feld, stattfindet. Vom Rooftop geht's zur Aftershow runter ins „Theater im Keller“ in der Karl-Marx-Straße 58.
Sonntagmorgen – Auch am Sonntag trotzen wir der Wetterprognose mit Frischluft. Um 11 Uhr öffnet auf dem Campus der FH Potsdam das vom AStA organisierte und über Crowdfunding finanzierte Konterfei Festival, das schon seit Freitag mit seinen drei Bühnen plus Drumherum ein Zeichen für Toleranz, Inklusion und Demokratie setzt. Zeitgleich öffnet auch das KW die aktuelle Ausstellung für Besucherinnen, um ab 13 Uhr zusammen mit den Nachbarn Pauly Saal, BON BOCK und Salon Berlin das Hoffest Auguststraße auszurichten.
Sonntagmittag – Zarte Gemüter meinen, es sei letzte Woche bereits kalt genug gewesen, um adäquat Tolstoi zu lesen. Das Verhältnis von Literatur und ihrem Entstehungskontext beleuchten Carla Reimert und Carsten Schneider bei einem Workshop im Haus für Poesie, Titel: „Collagen, Texte und Schablonen". Es wird gedichtet, geklebt, gezeichnet und geschrieben – anschließend werden die Erzeugnisse zu Leporellos zusammengefasst, die manche künstlerische Laufbahn anstoßen könnten. Wer es hingegen der Wetterprognose, der Verkehrssenatorin und allen Sonntagsfahrern einmal richtig zeigen will, fährt beim Bikini Badehose Bike Ride (15 Uhr ab Frankfurter Tor) mit. Die aus anderen Ländern bekannte Nackt-Demo ist für Berlin in Sachen Anziehsachen etwas entschärft.
Sonntagabend – Welcher Soundtrack könnte zum wetterfühligen Tenor dieses Wochenendes wohl am besten passen? Wie wäre es mit früher elektronischer Musik von unter anderem Francis Poulenc und Karlheinz Stockhausen, sowie zeitgenössischer von Timo Kreuser und Philippe Manoury? Einfallslos als „kalt“ kann sie heute allerdings auch von elektrophoben Hörern nicht bezeichnet werden. Vorgetragen wird sie nämlich in mehrstimmigen Arrangements vom Sängerkollektiv Phønix16. Diese außergewöhnliche Idee dürfte die (mit Abstand) interessanteste Musikveranstaltung des Wochenendes werden – wie könnte man sich nicht für sie erwärmen? 20 Uhr in der Kuppelhalle, Silent Green, Gerichtstraße 35, Wedding.