Geballtes Kulturprogramm, reichlich Kaffee und die Unterbrechung der Unterbrechung
Samstagmorgen – Wild geht es zu in der Hauptstadt-Kulturwelt. Wie jedes Jahr, konkurrieren auch in diesem Januar zahlreiche Festivals um die Publikumsgunst, sodass der völlige Rundumschlag eigentlich niemandem möglich ist. Nur dass heute niemand dafür den heimischen Ohrensessel verlassen muss, es ist schließlich immer noch Lockdown. Durchhaltevermögen ist angesagt, und dabei hilft der gute Wildsau Kaffee, den im Übrigen auch ein gewisses spazieraffines Sterne- (oder Sternchen-)Wildschwein empfiehlt.
Samstagmittag – Einen adäquaten Start bietet die Online-Ausstellung von Isa Melsheimer „False Ruins and Lost Innocence“ in der Galerie Esther Schipper. Je nach Koffein-Pegel kann man hier hektisch durchscrollen oder dem Auge eine gemütliche Wanderung durch Bilder und Texte gewähren – während der Körper alles, auch das Koffein, verarbeitet. Passenderweise beziehen sich die Arbeiten der Künstlerin unter anderem auf die aus Japan stammende Metabolistische Architektur der Nachkriegszeit, die genau den Kräfte-Austausch zwischen Innen und Außen, Organismus und Umwelt reflektiert, der sich hier auch im Ohrensessel ereignet.
Samstagabend – Was tun, wenn der Lockdown die Proben eines Theaterensembles jäh unterbricht, man die Aufführung aber nicht verschieben will und kann? Die Unterbrechung selbst zum Stoff machen natürlich, und damit jeden Klassiker direkt in die Gegenwart katapultieren. Besonders ein Klassiker bietet sich dafür sowieso an: Büchners Woyzeck handelt von der gewaltsamen Unterbrechung des Lebens einer Frau und liegt selbst nur fragmentiert vor, da vom Tod des Autors unterbrochen. Dieser Originalstoff findet in der Inszenierung von Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani Einzug in einen Haushalt im Lockdown, in dem ein Paar im Zustand unterbrochener Partnerschaft (Beziehungsstatus: kompliziert) mit sich und der Geschichte Büchners eingesperrt ist. Woyzeck Interrupted startet um 20 Uhr im Stream des Deutschen Theaters, enthält englische Untertitel und kostet 10 Euro.
Sonntagmorgen – Der kommende Mittwoch, der 27. Januar, ist Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Zum 76. Mal jährt sich dann die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Schon heute um 11 Uhr veranstaltet deshalb das Auschwitz-Komitee ein Konzert mit dem nicht nur für seine Beethoven-Einspielungen, sondern auch für seinen Einsatz gegen Rassismus und Judenfeindlichkeit ausgezeichneten Pianisten Igor Levit, der eine von Holocaust-Überlebenden erstellte Musikauswahl vorträgt.
Sonntagmittag – Die Salonmusik kommt vom Salon – und passt schon damit eigentlich ohne Weiteres in Zeiten intensiven Wohnens, in denen man das Haus nicht verlässt. Wer sich schon über die mangelnde Differenzierung zwischen Salon- und Hausmusik empört, bedenke, dass im Boulez-Saal gerade die Schubert-Woche endet, die das Publikum ausschließlich von zu Hause, beziehungsweise der eigenen Kammer aus, mitverfolgt hat. Womit man eigentlich auch noch von Kammermusik sprechen müsste, aber mit etwas Glück lesen hier keine spitzfindigen Musikwissenschaftler:innen mit. Eine ganze Woche voller Workshops zu und Aufführungen von Schubertliedern findet ihren Höhepunkt im heutigen Abschlusskonzert um 15 Uhr, sowie der finalen Darbietung der Sopranistin Katharina Konradi und dem Pianisten Eric Schneider um 20 Uhr. Alle Streams sind kostenfrei.
Sonntagabend – Wer nach dermaßen viel Romantik eine zeitgenössische Abkühlung braucht, bekommt sie beim Ultraschall-Festival, das ebenfalls heute zu Ende geht. Und das, im Gegensatz zu all den Streams, ganz klassisch im Radio erklingt, sodass man es sich beim Hören auch gut in der Badewanne oder im Ohrensessel in jeder beliebigen Yoga-Pose (un-)bequem machen kann. Der RBB Kultur überträgt ab 20 Uhr eine Aufzeichnung vom letzten Freitag aus dem Neuköllner Heimathafen. Auf der Bühne sind Trio Catch, gleich danach die Cellistin Séverine Ballon. Dass man das alles schon mal gehört habe, kann niemand behaupten, es gibt hier nämlich gleich vier Uraufführungen. Schließlich wohnt jedem Wochenende auch ein Anfang inne.