Stadtleben
Samstagmorgen – Am ersten September startet, wie mittlerweile jedes Kind in der Stadt weiß, die Checkpoint-Radgruppe. Um sich dafür in Fahrt zu bringen, radeln einige dieses Wochenende schon mal von Paris nach Brest – und zurück. Es heißt zwar, man gewinne keine so tiefe Einsicht in die Dinge, wenn man schnell von Ort zu Ort ziehe und nirgends lang genug bleibe, um sich in die alltäglichen Verstrickungen zu verstricken. Nun, dafür gewinnt, wer sich aufhält, keinen Einblick in den Streckenalltag und die Fügung flüchtiger Eindrücke zum Gesamtbild einer Strecke, Landschaft, oder Region. Wem die rund 1200 Kilometer vom PBP zu ambitioniert sind, kann auch entlang des Elbdeiches die Prignitz per pedales näher kennenlernen. Die Tour startet ab Lenzerwischer Burgvorplatz um 11 Uhr. 27 Kilometer sollen in äußerst entspannten 4 Stunden zurückgelegt werden, 10 Euro beträgt die Mitmachgebühr. Ganz ohne Fahrrad geht übrigens auch: 12 Kilometer betreutes Wandern durch Tegeler Fließ und Forst bietet der Sauerländische Gebirgsverein. Treffpunkt ist um 10 Uhr ab U-Bhf Tegel, Kosten 3 Euro.
Samstagmittag – Nach der brutalen Verausgabung eine süßlich-brutalistische Zwischenmahlzeit: Beim Baldon-Brunch auf dem Aufsehen erregenden Terrassenbau in der Weddinger Böttgerstraße 16 spielt die Architektur eine wesentliche Rolle im Speiseerlebnis, das Auge isst bekanntlich mit. Es soll ja Leute geben, die sich was Hübscheres anstelle des interessanten Multifunktionsbaus wünschten. Erstens ist doch aber nicht der Blick auf das Gebäude, sondern aus dem Bau auf die Welt der entscheidende – und dieser hier ist ganz sicher dem Geschmackserlebnis förderlich. Und zweitens kommentiert Chefpromenadologe Lucius Burckhardt: „Genügend solcher ästhetischen Kakteen stehen schon herum, ja, eben sie sind es, die zu der vielfach beklagten Verhässlichung der Umwelt beigetragen haben.“ Wer das anders sieht, bewahre Ruhe, trinke Tee und fröne dem allseits gefälligen Minimalismus, wie er bei Paper & Tea gepflegt wird. Verbindet man mit der Schriftstellerei nicht sonst eher härtere Getränke als Tee? Eine Gelegenheit, dem nüchternen Klischeebruch auf die Spur zu kommen, bietet das Teeseminar um 15 Uhr – für Notizen stehen natürlich adäquate Paraphernalien zur Verfügung. Kantstraße 31, S-Bhf Savignyplatz
Samstagabend – Weiter geht es mit einem Paradebeispiel musikalischer Früherziehung. Zum Sun Ra Arkestra hat unter anderem ein gewisser Phil Cohran den Trompetensound beigesteuert. Zuhause hat er mit seiner Band „Circle of Sound“ Proben abgehalten und inmitten der Klänge seine Kinder aufwachsen lassen. Täglich um 6 Uhr soll er sie zum Morgenappell mit ihren Blasinstrumenten antreten lassen haben. Als „Phil Cohran Youth Ensemble“ spielten sie schon bald unter anderem für Harold Washington und Nelson Mandela. Und heute Abend stehen acht der Söhne als Hypnotic Brass Ensemble auf der Bühne des Club Gretchen. 19.30 Uhr in der Obentrautstraße 19-21, 21,20 Euro.
Sonntagmorgen – Wo waren wir noch gleich stehengeblieben? Wem öfter mal der eigene Standort abhanden kommt, dem könnte der Kartographie-Workshop von Parkakademie und Sonntagsbureau in der Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor auch langfristig etwas bringen, sei es auf längeren Radtouren, Wanderungen oder zur Bestimmung von Lösungswegen. Blücherplatz 1
Sonntagmittag – Die hohe Kunst der exakten Standortbestimmung kann man sich übrigens auch bei Turntablisten, also virtuosen Platten-Spielern abschauen. Die laufende LP wird von Hand gebremst oder in die Gegenrichtung beschleunigt, wieder losgelassen, die abtastende Nadel, muss dabei immer an genau der richtigen Stelle landen, alles im gewünschten Rhythmus erklingen. Im Friedrichshainer Cassiopeia steigt im Rahmen des Sample Music Festival der „Clash of the Titans“, die Weltmeisterschaft der besten Plattenkünstlerinnen der Galaxis. Ab 16 Uhr in der Revaler Straße 99
Sonntagabend – Es ist allerdings gar nicht nötig, gleich in esoterisch-galaktische Gefilde abzuschweifen, um die Welt als Klang zu begreifen. Schon ein wenig Sinn für Proportion, etwas Assoziationsreichtum und Neugier sollten dafür eigentlich genügen. Ebendie haben die Musikerinnen des Ensemble Mosaik schon oft eindrücklich unter Beweis gestellt. Sie tun es aktuell wieder und bieten ein Abendprogramm aus in „abgelegenen Wohnzimmerlaboratorien“ oder „Hosentaschensammlungen“ aufgespürten Stücken – eine Art musikalischer Gegenwartsarchäologie. Heute Abend: Stücke von Andrea Neumann, Carlos Sandoval, Elena Rykova / María Korol und Chatschatur Kanajan, Rama Gottfried, Orm Finnendahl, Mayr / Surberg mit Liping Ting, Prins / Neffe / Strasser und der Tänzerin Hironori Sugata. Eintritt 12/ 8 Euro, um 19 Uhr im Ackerstadtpalast, Ackerstraße 169/170