Wie die Volksbühne gegen die Vereinnahmung durch Rechte kämpft
Am Samstag sendet die Volksbühne eine Debatte über rechtsextreme Bewegungen – auch die vor der eigenen Haustür. Die Checkpoint-Wochenendtipps für Abonnenten. Von Thomas Wochnik
Foto: Christoph Soeder/dpa
Samstagmorgen – Seinen Kaffee immer nur zu Hause zu trinken, zu Hause zu lesen, zu schreiben und vor allem zu Hause fremde Leute zu beobachten ist einfach kein Ersatz für die gute alte Kaffeehauskultur. Umso tragischer, wenn einen zurzeit alle paar Tage die Nachricht einer weiteren Schließung erreicht. Heute um 11 Uhr startet Il Buco Di Heidi, Schönhauser Allee 177a, den Ausverkauf. „Alles muss raus“, Vorräte und Mobiliar. Wer sich hier mit dem Erwerb des ein oder anderen Holzmöbels tröstet, erspart den Betreibern etwas Arbeit.
Samstagmittag – Die Anti-Hygiene-Demos am Rosa-Luxemburg-Platz bedeuten für die Volksbühnen-Belegschaft nicht nur ein erhöhtes Covid-Ansteckungsrisiko. Erscheint das Haus als ständige Kulisse der Proteste, kann es unfreiwillig auch in eine gedankliche Nähe zu Querfront-Ideologien gerückt werden. Was läge folglich näher, als sich zum Abstandsgewinn auch in geistiger Hygiene zu üben? Ihr keimfreies Gegenprogramm sendet die Volksbühne um 15 Uhr im Livestream: Shelly Kupferberg, Kira Ayyadi (Belltower News & Amadeu Antonio Stiftung) und Dennis Leiffels (Y-Kollektiv) sprechen über rechtsextreme Bewegungen und deren Netzwerke – auch die vor der eigenen Haustür. Wo Menschen sich drängen, ob am Rosa-Luxemburg-Platz oder am Paul-Lincke-Ufer, begegnen sich auch Blicke und prompt steht hier und da die Frage im Raum: „Flirten wir eigentlich gerade miteinander?“ Für alle, die sich in dieser Beziehung durch den Lockdown allzu sehr aus der Übung geworfen fühlen, bietet Queertopia von 13 bis 17 Uhr einen Online-Workshop zum Flirten mit Fokus auf die Schönheit des Augenblicks und den Respekt vor seinen Zwischentönen.
Samstagabend – Eben Zwischentöne spielen auch in der Rezeption von Texten eine wesentliche Rolle. Besonders zutage treten sie, wenn man denselben Text einmal selbst liest, einmal jemand anders lesen lässt. Bei der Lesebühne DEO (Abkürzung für „Des Esels Ohr“, Latein für Gott und Kurzform eines beliebten Hygieneartikels) tun dies gleich drei Autorinnen, nämlich Franziska Hauser, Susanne Schirdewahn und Barbara Weitzel. Und das ab 20 Uhr im hygienisch einwandfreien Livestream und bei gutem Wetter vom Dach der Werketage mit göttlicher Kulisse: Berlin.
Sonntagmorgen – Die Berliner Kulisse von unten sieht man beim Sonntagsspaziergang, etwa durch die Galerien der Stadt. Die öffnen nämlich fortan an je einem Sonntag im Monat von 11 bis 17 Uhr und sorgen somit nicht nur für besonders inspirierte Freizeit. Verteilt sich dieselbe Menge Menschen, die bei Sonnenschein sowieso nicht in den heimischen Wänden bleiben, auf mehr verfügbare Räume, stehen sie am Ende insgesamt etwas weiter voneinander entfernt. Hier entlang zur Liste der teilnehmenden Galerien.
Sonntagmittag – Einen ähnlich entzerrenden Effekt können auch Grünanlagen fernab des Stadtkerns liefern, etwa die beiden Erhebungen des Hahnebergs, die nicht nur eine Handvoll gesunder Höhenmeter, sondern auch eine der besten Aussichten auf die Berliner Skyline bieten. Oder die Marzahner Gärten der Welt, mit dem stadtgrößten Irrgarten (1200 immergrüne Eiben, 2000 Quadratmeter) nach barockem Vorbild des Londoner Hampton Court Maze. Wer nicht ganz so weit, aber dennoch raus will, findet auch auf innerstädtischen Friedhöfen etwas Ruhe. Auf denen vor dem Halleschen Tor etwa ruhen u.a. E.T.A. Hoffmann, Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy.
Sonntagabend – Eines muss man virtuellen Ausstellungen zugute halten: Man muss sich nicht nur nicht selbst bewegen, man kommt mühelos auch viel weiter als mit den Öffis. Wie wäre es mit einem Abstecher zum Beispiel nach Karlsruhe? Das ZKM hat seine virtuellen Tore schon seit Freitag geöffnet und weil es das ZKM ist, also die vorzeige-Medienkunst-Institution Deutschlands, darf man durchaus einen besonders bewussten Tief- und Umgang mit den digitalen Techniken erwarten. Das Programm zum Wochenendeende folgt dem Credo: „Eine neue Erdpolitik verlangt auch eine neue Ausstellungspolitik“ und lässt, neben Chef Peter Weibel und Starphilosoph Bruno Latour etwa den Nobelpreisträger und Astrophysiker Adam G. Riess zu Wort kommen, dessen galaktische Supernova-Forschung alles irdische Geschehen in einen, bescheiden ausgedrückt, etwas weiteren Kontext rückt.