Das Duett der Festivals
Am Wochenende trifft die „Fête de la Musique“ auf „48 Stunden Neukölln“. Beide Festivals bespielen vor allem das Netz. Manches findet aber analog statt. Die Tipps von Thomas Wochnik
Foto: Jim Kroft
Samstagmorgen – Streckenweise mag es in der Stadt vielleicht etwas gespenstisch anmuten, das diesjährige 48-Stunden-Neukölln meets Fête-de-la-Musique-Wochenende. Denn beide Festivals bespielen dieses Jahr gezwungenermaßen vor allem das Netz und ergänzen sich zu einem Rundumschlag der vielen kleinen Grassroot-Protagnist:innen der Kunst und Musikwelt Berlins. Während die Fête vor allem Livestreams ausstrahlt, sind viele der 200 Ausstellungen, Exponate und Diskursformate der 48-Stunden, wie die Kernausstellung „Collapse“, virtuell in 3D begehbar und interaktiv. Ganz absent ist das Festival aber auch im öffentlichen Raum nicht: 57 Schaufensterinstallationen sind über den Norden Neuköllns verteilt.
Samstagmittag – Dass Kunst schön sein muss, ist ein schwer zu haltendes Vorurteil, das sich spätestens bei der Auseinandersetzung mit Wolf Vostell als außerordentlich hässliche Ignoranz herausstellt. Für Vostell, wie für viele seiner Zeitgenossen, war Kunst nichts weniger als Leben, das Leben Kunst. Und schon die alten Griechen wussten, dass die Geschichte eines bloß schönen Lebens als Theater- und Kunststoff todlangweilig wäre. „Außerordentlich hässlich“ lautet daher auch der Titel der Vostell-Ausstellung in der Galerie aKonzept in Charlottenburg (Niebuhrstraße 5, Sa 14-19 Uhr, Di-Fr 15-18 Uhr) mit 20 seiner Arbeiten aus den Jahren 1958 bis 1980. Wegen der Abstandsregeln erfordert der Besuch vorab einen Eintrag in die Besucherliste.
Samstagabend – Im Gegensatz zu den großen Wochenendfestivals können kleine Kunstaktionen viel individueller und spezieller auf die Abstandsregeln reagieren. Das Kollektiv Reflektor Neukölln zum Beispiel schickt ein fragmentiertes Zimmer auf Wanderschaft durch den Neuköllner Schillerkiez, lässt seine modularen Bestandteile wie Wände, Sessel, Stehlampe Fugen und Nischen der Umgebung besetzen und die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen. Wie eine Metapher auf den Kiez, der öffentlicher und privater (Wohn-)Raum zugleich ist und dessen lose Bestandteile ein zusammenhängendes Ganzes bilden. An einigen Stationen wird das metamorphe Zimmer zur Bühne für theatrale Einlagen, Lesungen und Gespräche. Start der Aktion ist um 19 Uhr am Herrfurthplatz.
Sonntagmorgen – Nähe mit sicherer Mattscheibendistanz verspricht eines der interessantesten Musikprojekte Berlins: Das Splitter Orchester gewährt per Livestream aus dem Radialsystem Einblicke in seine improvisatorische Arbeitsweise unter dem vieldeutigen Titel Schrumpf!. Eine Aufforderung? Der Selbstverkleinerungsvorgang beginnt dreimal: um 11.30 Uhr, 15 Uhr und 18.15 Uhr. Schließlich ist um 19.30 Uhr von der Übertragung nichts mehr übrig. Tickets ab 1,09 Euro
Sonntagmittag – Um nach der Schrumpfung wieder zu Form zu gelangen, bietet sich der Street Food Markt im Hof der Kulturbrauerei (Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg) an, der zwischen regionalen und Allerweltsspeisen so ziemlich alles abdeckt, was der Magen begehrt. Was das Herz begehrt, steuert diesmal die Fête-de-la-Musique bei, die in Kooperation mit dem Sonntagsmarkt musikalisches Drumherum zum Zuhören und Mitmachen bietet. Hervorzuheben ist vor allem der kollektive Gesang der „Ode an die Freude“ für alle, die bis dahin noch nicht dem Fresskoma erlegen sind. Um 17 Uhr wird das Ess-Trink- und Sing-Gelage über die Homepage der Fête live in alle Welt übertragen.
Sonntagabend – Da das Wochenendeende nicht mehr zwingend in den heimischen vier Wänden verbracht werden muss, hat Queerspiegel-Kollege Sebastian Goddemeier eine kleine Liste wiedereröffneter queerer Lokale zusammengestellt. Darunter Café Morgenrot (Kastanienallee 85, Prenzlauer Berg), Bar Saint Jean (Steinstraße 21, Mitte), Tipsy Bear (Eberswalder Straße 21, Prenzlauer Berg), Hafenbar (Karl-Liebknecht-Straße 11, Mitte), Südblock (Admiralstraße 1-2, Kreuzberg), Marietta (Stargarder Straße 13, Prenzlauer Berg), SilverFuture (Weserstraße 206, Neukölln), Oya (Mariannenstraße 5). Die Bar Sofia in Kreuzberg (Wrangelstraße 93) feiert übrigens gerade Fünfzehnjähriges und öffnet Samstag schon um 15 Uhr.