Wochniks 2. Adventswochenende: Nächstenliebe und Kapitalismus
Foto: Sophia Tabatadze
Samstagmorgen – Adventszeit ist die Zeit der Liebe, steht auf jedem Plakat in der Stadt. Das Interesse an ihr zeigt sich nicht nur im Kaufrausch für die Liebsten, dem man sich auf unzähligen Adventsmärkten hingeben kann (zum Beispiel von 10 bis 17 Uhr auf dem Adventsbasar der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem in der Thielallee 1-3, wo der Erlös einem guten Zweck zukommt), sondern auch an einem seit Wochen ausverkauften Stück am HAU3, das vom Verhältnis von Liebe und Kapitalismus handelt (siehe Mein Wochenende mit...). Wie liebevoll eine Gesellschaft übrigens wirklich ist, zeigt sich schon immer an ihrem Umgang mit Minderheiten und Subkulturen. Ein zweistündiger Rundgang durch angeblich „versteckte Hinterhöfe“ von Spandauer Vorstadt und Scheunenviertel will Spuren des einst wilden subkulturellen Lebens der Gegend freilegen, das gerade vor dem Hintergrund der heutigen Monokultur wirken dürfte. Auch bei Regen das Programm für Nostalgiker, Melancholiker und andere Freunde von unerfüllten Vielfaltsträumen. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Hackeschen Markt, 15 Euro beträgt die Zeitreisegebühr.
Samstagmittag – Thematisch gar nicht so fern liegt das Thema Reichtum, der klassischerweise eine komplizierte Beziehung zur Subkultur pflegt – irgendwie wollen sie was voneinander, dann stoßen sie sich wieder ab. Im Literaturforum im Brechthaus nehmen sich ab 15 Uhr verschiedene Diskutanten und Autorinnen der „Reichtumskatastrophe“ an. Genaugenommen geht es um literarische Zugänge zum Leben von Menschen, die geographisch gesehen in derselben Stadt zuhause sein mögen, aber niemals in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Supermarktschlangen anzutreffen sind und auch sonst in einem ganz anderen Universum ohne die Zärtlichkeit des Berliner Pflasters leben. Chausseestraße 125 (Mitte), U-Bhf Naturkundemuseum
Samstagabend – Von den Penthäusern nochmal zurück ins Sub der Musikkultur: Zeitgenössische weibliche Komponistinnen sieht man in der Regel nicht als Role-Models von Plakaten lächeln oder an Fernsehtalkshows teilnehmen. Und leider liest man ihre Namen nur selten in den Programmen der Konzerthäuser. Dorothea Mader, Seyko Itoh und Shasta Ellenbogen sind drei, deren Stücke heute in den Räumen der ehemaligen „Kuranstalten Westend für Nervenkranke“ Ulme35, aufgeführt werden. Ulmenallee 35, U-Bhf Neu-Westend, Eintritt: 10 Euro.
Sonntagmorgen – Wie war das mit der Subkultur und dem Kapitalismus? Wer auf der Suche nach dem besonderen Geschenk in den Malls und Märkten nicht fündig wird, könnte in Oberschöneweide sein Glück finden – und das seiner Nächsten. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude 83 des Transformatorenwerks Oberspree in der Wilhelminenhofstraße 83 arbeiten nämlich über 40 bildende Künstlerinnen, Grafiker und Designerinnen, bekannt als XTRO, die heute nicht nur gesprächig ihre Ateliertüren öffnen, sondern auch das ein oder andere Unikat zur allgemeinen Glückssteigerung feilbieten.
Sonntagmittag – In der Tschechoslowakei tritt der Ministerpräsident Ladislav Adamec zurück – weniger aus Nächstenliebe als wegen der Unruhen im Land. In Bulgarien wird die „Union der Demokratischen Kräfte“ vom Dissidenten Schelju Schelew gegründet und zugleich ist in Berlin die Abschaffung der Stasi bereits im vollen Gange. Heute, 30 Jahre später, dient Haus 7 der ehemaligen Stasizentrale zur Ausstellung, bietet Diskussionsrunden und einer Buchpräsentation eine Bühne. Dissidententum und das umgesetzte wie gedämpfte revolutionäre Potenzial der Wiedervereinigung stehen im Mittelpunkt des künstlerischen Programms. Ab 15 Uhr in der Ruschestraße 103 (Lichtenberg), U-Bhf Magdalenenstraße.
Sonntagabend – In vielen Teilen der Stadt sind sie kaum noch anzutreffen, organisieren sich an geheimen Treffpunkten wie Parks und Lokalen und leben als radikale Frühaufsteher ohne Verpflichtungen antizyklisch zum Mainstream: Längst sind auch Seniorinnen und Senioren in weiten Teilen der Stadt als Subkultur anzusehen. Und das nicht selten wider Willen. Daran, dass es nicht zwingend so sein muss, erinnert die georgische Künstlerin Sophia Tabatadze mit dem von ihr initiierten „Grandmother Film Festival“ in der privaten Multifunktionsbibliothek „The Word“. Schon seit Freitag werden hier Filme und Kurzfilme zwischen 42 Sekunden und etwa eineinhalb Stunden Dauer gezeigt, die sich mehr oder minder direkt mit den Rollen von Großmüttern in verschiedenen Kulturen und Zeiten auseinandersetzen. 15, 17 und 19 Uhr, Neue Kulmer Straße 2 (Schöneberg), U-Bhf Kleistpark