wissen Sie, was in 25 Tagen ist? 2020. Zahlreichen wissenschaftlichen Studien zufolge hat Deutschland, und damit auch Berlin, nur noch bis 2030 oder 2035 Zeit, seinen CO2-Ausstoß auf netto null zu reduzieren. Wenn wir unseren Beitrag zum Paris-Ziel einer Erderhitzung um „nur“ 1,5 Grad leisten wollen. Das sind noch 10 bzw. 15 Jahre. Das ist verdammt wenig Zeit.
Das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm, das eine klimaneutrale Stadt bis 2050 vorsieht, müsste dafür konsequent überarbeitet werden. Doch schon jetzt wird vorhandenes Geld für Klimaschutzprojekte kaum ausgegeben. Die grün geführte Umweltverwaltung musste im Juni zugeben, dass von den 94 Millionen Euro, die bis 2021 bereitstehen, erst knapp 3,5 Millionen Euro abgerufen wurden. Helfen würde es, wenn es in allen Bezirken Klimaschutzmanagerinnen und -manager geben würde. Aber die haben es nicht in den neuen Haushalt geschafft.
Deutschland war 2018 laut Klima-Risiko-Index von Germanwatch am drittstärksten weltweit von der Klimakrise betroffen. Der Hitzesommer provozierte mehr als 1200 Todesopfer. In Kombination mit der Rekorddürre entstanden Schäden in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro. Berlin-Brandenburg wiederum gehört zu den verwundbarsten Gegenden in Deutschland, was den Klimawandel betrifft.
Das Tragische beim Klimaschutz: Es ist ziemlich eindeutig, was Berlin tun muss. Verbrennungsmotoren aus der Stadt verbannen, erneuerbare Energien für die Wärmeproduktion nutzen. Altbauten per Vorschrift energetisch sanieren, Verpackungsmüll drastisch reduzieren. Nur handelt die Berliner Politik bisher nicht entsprechend.
Deswegen macht es zumindest Hoffnung, dass Michael Müller sich beim Städtenetzwerk „C 40“ in Kopenhagen verpflichtet hat, bis 2030 einen großen Teil Berlins („a major area of our city“) zur emissionsfreien Zone zu erklären. Auch wenn es ihm anscheinend am liebsten gewesen wäre, wenn davon in Berlin niemand etwas mitbekommt.
Und deswegen ist auch richtig, dass Umweltsenatorin Regine Günther kurzfristig entschieden hat, den Mittelstreifen auf der Karl-Marx-Allee doch zu begrünen und dafür die Parkplätze zu entfernen (so soll das mal aussehen). Was wir jetzt an Komfort nicht aufgeben, wird uns wesentlich härter genommen werden, wenn die Klimakrise Berlin in ihrer ganzen Härte erreicht. Ja, Anwohner hatten sich im Beteiligungsprozess für den Erhalt der Stellplätze ausgesprochen. Aber Bürgerbeteiligung kann nicht bedeuten, dass man nur laut genug schreien muss und dann die Parkplätze vor der eigenen Haustür behalten darf.
Der Senat sollte am Dienstag die Klimanotlage beschließen. Dann müssen drastische Maßnahmen folgen. An ihnen wird die Politik gemessen.
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Telegramm
Die Hälfte der Macht den Frauen. Sagt sich so leicht (und steht auch im Koalitionsvertrag). Die Realität sieht anders aus: Von den 160 Abgeordneten in Berlin sind nur 53 weiblich. Um das zu ändern, wollte Rot-Rot-Grün eigentlich noch in diesem Jahr ein Paritégesetz beschließen, wie es Brandenburg und Thüringen bereits getan haben. Schon im März 2018 hatten sich SPD, Linke und Grüne in einer Resolution für die „paritätische Beteiligung von Frauen an der politischen Willensbildung in Parlamenten, Ämtern und Gremien“ ausgesprochen und angekündigt, die Einführung eines Paritégesetzes zu prüfen.
Und jetzt, im Dezember 2019? Bremsen ausgerechnet die Grünen. Lieber noch eine juristische Meinung einholen, um das Gesetz rechtssicher zu machen, als mit einem Schnellschuss vor Gericht scheitern, heißt es. Aus der Fraktion hört man: Aus den Fehlern beim Mietendeckel-Gesetz wolle man lernen – ein Blick in die juristische Glaskugel?
Jetzt macht die SPD Druck. „Es ist nach 100 Jahren Frauenwahlrecht Zeit, zu schauen, wo wir mit der politischen Teilhabe von Frauen stehen, und den nächsten mutigen Schritt zu wagen: ein Paritégesetz“, schreibt Dilek Kalayci, die nicht nur Gesundheits-, sondern auch Gleichstellungssenatorin ist, in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. „Ich bin überzeugt, ohne eine gesetzliche Verpflichtung aller Parteien, werden wir die Parität in der Volksvertretung nicht erreichen.“ Fraktionschef Raed Saleh verspricht auf CP-Nachfrage: „Ein Paritégesetz wird kommen, das ist für mich eine Frage von Gerechtigkeit, Fairness und Vernunft.“
Nach einem feucht-kalten Start im Oktober flaniert Friedrich im Juni weiter. Soll heißen: Die Friedrichstraße wird im Sommer wieder autofrei. Dann nicht nur für ein Wochenende, sondern für ganze drei Monate, wissenschaftlich begleitet. Für einen guten Starttermin hält Mitte-Bürgermeister Stephan von Dassel die Fête de la Musique am 21. Juni (Q: „Morgenpost“). Es kommentiert „Fettes Brot“: „Wir fressen eure Autos auf, wir fressen alle eure Autos auf!“
Dank der Stellungnahme der Innenverwaltung zum Bericht meines Kollegen Robert Kiesel wissen wir jetzt, dass sie sich als für IT zuständige Verwaltung mit ihren Sicherheitsempfehlungen nicht durchsetzen kann. Es geht ums Chaos bei der Umstellung der Berliner Behörden-PCs auf Windows 10. Rund 30.000 Rechner haben eine Version, die nicht den Empfehlungen des Bundesamts für Sicherheit und Informationstechnik entspricht, darunter auch die der Innenverwaltung unterstellte Polizei. Auf diesen Computern müssen die bereits aufgespielten Windows-10-Updates erneuert werden. Digitalhauptstadt und so.
„Sie kriegen in Berlin ja nichts bewegt“, sagt Ernst Schierholz. „Die Bezirksämter stehen sich gegenseitig im Weg. Und wenn Sie irgendwas Übergreifendes für ganz Berlin tun wollen, können Sie das vergessen, da passiert nichts.“ Deswegen pflanzt der 72-jährige IT-Unternehmer jetzt eben Bäume in Brandenburg, mindestens 10.000. Dort, wo im Sommer 2018 einer der verheerendsten Waldbrände in der Geschichte des Landes 300 Hektar Wald zerstörte: in Treuenbrietzen. Schierholz’ Geschichte und wie Sie mitbuddeln können, lesen Sie heute auf Seite 14 im Tagesspiegel oder online hier.
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Berlin, barmherzig: 70 minderjährige Geflüchtete von den griechischen Inseln nimmt das Land auf. Die Situation in den Flüchtlingslagern ist dramatisch. „Gerade im Winter wollen wir helfen und nicht tatenlos zuschauen“, sagt Bürgermeisterin Ramona Pop. 70 Leben am Wendepunkt. Mögen sie sich bei uns gut aufgehoben fühlen.
Berliner S-und U-Bahnen fallen häufiger aus. Das zeigen aktuelle Zahlen: Bei der S-Bahn stieg die Zahl der entfallenen Zugkilometer von 1,65 Millionen auf 2,3 Millionen. Bei der U-Bahn von 418.000 Kilometer auf 555.000 (Q: „Morgenpost“). Der Grund: Baustellen und marode Wagen. Verkehrswende, übernehmen Sie!
Diese Antwort des Senats auf eine FDP-Anfrage dürfte Sebastian Czaja beruhigen: Die Zahl privater Vermieter in Berlin ist von 155.836 in 2008 auf 196.645 in 2017 gestiegen. Die Summe ihrer Einnahmen ist im gleichen Zeitraum explodiert: von 275 Millionen auf 1,3 Milliarden Euro. Altersvorsorge gesichert, würd’ ich sagen.
Mit einem Foto (fast) leerer Bänke im Amri-Untersuchungsausschuss wollte Grünen-Innenpolitiker Benedikt Lux gestern auf Twitter die Opposition diskreditieren. Doch dann stellte sich heraus: Die hatte nur Hunger. „Wir sind noch alle da! Es war nur der Cateringwagen!“, verteidigte sich der CDU-Abgeordnete Stephan Standfuß. CP-Analyse: Auch Politiker müssen manchmal was essen.
Auf der Suche nach einem hübschen Job? Die Berliner Wasserbetriebe suchen ab sofort einen Mechatroniker für Zierbrunnen (Q: Amtsblatt). Bewerbungen sind ans Recruiting der Wasserbetriebe zu richten, und das sitzt wo? Natürlich in der Fischerstraße (29).
Ich würde Ihnen hier ja gerne schon vorab verraten, was Michael Müller bei der Namensgebung der Panda-Babys im Zoo am Montag um 11 Uhr sagen wird. Aber die Senatskanzlei hat die Mail mit einer fetten roten Sperrfrist – Montag, 11 Uhr! – verschickt. Müssen Sie sich noch zwei Tage gedulden. Und nein, die Namen stehen nicht drin.
Kleine Korrektur: Der Unfallforscher, den wir hier gestern zitiert haben, heißt Sigfried Brockmann, nicht Bockelmann. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
Tage bis Weihnachten: 17. Bis es so weit ist, öffnen wir im Checkpoint täglich ein „Türchen Berlin“ mit Ideen, was Sie bis dahin und über die Feiertage hinaus mit Ihren Liebsten unternehmen können. Und die Zeit verfliegt bekanntlich umso schneller bei gutem Essen: Wer keine Lust auf den lästigen Abwasch hat, lässt sich bekochen. Das Carl und Sophie in Moabit (Alt-Moabit 99, S-Bhf Bellevue) serviert mit Blick auf die Spree derzeit Wintermenüs aus Ur-Karotten, Bouillon und Bauernente – zum Nachtisch gibt es Birne mit Preiselbeereis und Schokolade (42 Euro). Der Checkpoint hat ein Familienessen organisiert: Wir verlosen 1x4 Menüs inkl. Wein oder Cocktails (einzulösen im Dezember) – für gute Stimmung müssen Sie allerdings selber sorgen. Feinschmecker schreiben dafür einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Durchgecheckt
Carline Mohr, Leiterin der digitalen Kommunikation im Willy-Brandt-Haus
Nowabo und Esken sind seit gestern auch offiziell die neuen Parteichefs der SPD. Gehen die Sozialdemokraten jetzt endgültig unter, wie es zahlreiche Hauptstadtjournalisten schon prophezeit haben?
Lacht. Na, ich hoffe nicht! Das ist ja alles so eine Kristallkugel-Geschichte. Ich glaube, wir sind alle wahnsinnig gespannt, was die beiden jetzt machen und wie es weitergeht. Ich bin eigentlich ganz optimistisch. Aber das wär’ ich ehrlicherweise beim anderen Team auch gewesen. Wichtig ist, dass da jetzt wieder Menschen sind, die vorangehen und die einen Plan haben.
Sie haben die beiden kennengelernt, weil Sie Vorstellungs-Videos aller Teams gedreht haben. War das ein Duo, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ich weiß gar nicht, ob ich das sagen darf, aber ich tu’s einfach. Mir war Norbert Walter-Borjans vorher auch gar kein Begriff, ich hab ihn dann natürlich gegoogelt, Steuer-CDs und so weiter. Und nach dem Dreh hab ich wirklich gesagt: Das war aber ein wahnsinnig sympathischer Mensch! Dadurch ist er mir vor allem aufgefallen. Dass er wirklich so eine Strahlkraft, so eine Menschlichkeit hat, auch so etwas Unaufgesetztes, was ja vielen Spitzenpolitikern verloren geht. Saskia hab ich mal bei einem digitalpolitischen Treffen, also quasi privat, kennengelernt, und da haben wir gemeinsam ein Bier getrunken und mir ist aufgefallen: Die kann auf jeden Fall was, die hat irre viel Ahnung von Digitalpolitik.
Sie sind seit sieben Monaten Leiterin der digitalen Kommunikation im Willy-Brandt-Haus. Wie kann man sich Ihren Job vorstellen? In aller Kürze.
Was mir total wichtig ist: Dass wir authentischer kommunizieren, mehr über echte Menschen sprechen. Dass wir viel mehr aus dem Maschinenraum erzählen. Leute fragen immer wieder: Wie läuft denn das, wie ist da der Stand? Da müssen wir auch mal hinter die Kulissen blicken lassen und Politik so erzählen, dass es wirklich Spaß macht.
Es heißt ja oft, die SPD habe ein Kommunikationsproblem, könne ihre eigenen Erfolge nicht verkaufen. Sind Sie deswegen geholt worden? Können Sie das?
Das ist eine sehr gute Frage. Tatsächlich gab es ja so ein paar Momente, zum Beispiel bei der Grundrente, die war ja ein Erfolg. Und ich finde, das haben wir kommunikativ wirklich gut gemacht. Mir war es da wichtig, Erzählungen zu finden, die jeder versteht, wirklich anhand von Menschen zu zeigen: Was bringt uns denn die Grundrente?
Der Sozialdemokrat und selbsternannte Intellektuelle Nils Heisterhagen hat auf Twitter gewarnt, dass in der SPD „gerade endgültig die Social-Media-Linke“ übernehme, „die weder von Strategie noch Inhalten eine Ahnung hat“. Fühlen Sie sich da angesprochen?
Ganz ehrlich: Irgendwelche Dudes, die mir erklären, dass ich keine Ahnung habe – die kenne ich, seit ich arbeite und seit ich im Internet bin. Das macht mir wirklich gar nichts mehr.
Für die Kommunikation der SPD versprechen Sie „keine Zitatkacheln, keine Parteisprache, keine Klickbaits“. Warum?
Weil ich glaube, dass sich in den vergangenen Jahren im Netz wahnsinnig viel verändert hat. Als ich angefangen habe, als Social-Media-Redakteurin zu arbeiten, sind Menschen noch gerne Institutionen gefolgt oder Parteien, weil die vorher nicht auf diesen Plattformen waren. Da hat man mit Zitat-Kacheln herumprobiert und irgendwann Videos gemacht und so weiter. Aber in den vergangenen Jahren ist das Netz wahnsinnig voll geworden. Ich glaube, der Peak ist wirklich überschritten. Menschen wollen wieder Menschen folgen und Menschen zuhören, die nicht Parteisprache sprechen. Darauf haben auch Plattformen wie Facebook reagiert, die jetzt wieder die persönliche Kommunikation fördern. Genau da müssen wir mitgehen. Und diese Zitatkacheln, über die ich immer so schimpfe, die schreien ja quasi: Das habe ich nicht selbst gesagt, sondern das ist ein ausgewählter, abgestimmter Satz, den dann irgendein Team auf eine Kachel geschrieben hat. Kein Mensch glaubt doch, dass das echt ist. Wir probieren deshalb jetzt direktere Kommunikation über Telegram aus, mit neuen Formaten wie Podcasts, und Sachen, die Leute wirklich gerne lesen, hören oder sehen wollen.
Ist das nicht die Aufgabe von Journalisten?
Die Aufgabe von Journalisten und die von Politikern ist natürlich eine vollkommen andere. Der Journalismus ordnet ein, recherchiert, und hinterfragt das, was Politiker so erzählen. Aber das spricht ja überhaupt nicht dagegen, dass sich die Politik ein bisschen mehr Mühe gibt, Inhalte so rüberzubringen, dass man sie besser versteht und dass sie besser ankommen.
Ganz ehrlich: Geht der Hashtag #Eskabolation auf Ihre Kappe?
Lacht. Nein. Den hab ich mir nicht ausgedacht.
Wer denn dann?
Ich glaube, aber ich weiß es nicht sicher, dass der aus Juso-Kreisen kam.
Ich habe auf Twitter gesehen, dass Sie bald SPD-Mitglied werden…
Lacht. Achso?
Nein?
Ich habe nichts unterschrieben. Und ich habe das auch niemandem versprochen.
Sie kommen aus Düren, ganz in der Nähe von Aachen, meiner alten Heimat. Was vermissen Sie in Berlin am meisten am Rheinland?
Ich werde wirklich weich, wenn ich Rheinisch höre. Rheinisch ist der Singsang unter den Dialekten, der klingt anders als alle anderen, da ist so eine Melodie in der Sprache. Wenn ich das höre, das ist bei mir so, wie wenn man etwas riecht. Dann habe ich ganz viele Bilder im Kopf. Was ich so sehr vermisse am Rheinland ist diese sagenumwobene Herzlichkeit, die gibt es wirklich. Gerade in Köln.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Adventszeit ist die Zeit der Liebe, steht auf jedem Plakat in der Stadt. Das Interesse an ihr zeigt sich nicht nur im Kaufrausch für die Liebsten, dem man sich auf unzähligen Adventsmärkten hingeben kann (zum Beispiel von 10 bis 17 Uhr auf dem Adventsbasar der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem in der Thielallee 1-3, wo der Erlös einem guten Zweck zukommt), sondern auch an einem seit Wochen ausverkauften Stück am HAU3, das vom Verhältnis von Liebe und Kapitalismus handelt (siehe Mein Wochenende mit...). Wie liebevoll eine Gesellschaft übrigens wirklich ist, zeigt sich schon immer an ihrem Umgang mit Minderheiten und Subkulturen. Ein zweistündiger Rundgang durch angeblich „versteckte Hinterhöfe“ von Spandauer Vorstadt und Scheunenviertel will Spuren des einst wilden subkulturellen Lebens der Gegend freilegen, das gerade vor dem Hintergrund der heutigen Monokultur wirken dürfte. Auch bei Regen das Programm für Nostalgiker, Melancholiker und andere Freunde von unerfüllten Vielfaltsträumen. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Hackeschen Markt, 15 Euro beträgt die Zeitreisegebühr.
Samstagmittag – Thematisch gar nicht so fern liegt das Thema Reichtum, der klassischerweise eine komplizierte Beziehung zur Subkultur pflegt – irgendwie wollen sie was voneinander, dann stoßen sie sich wieder ab. Im Literaturforum im Brechthaus nehmen sich ab 15 Uhr verschiedene Diskutanten und Autorinnen der „Reichtumskatastrophe“ an. Genaugenommen geht es um literarische Zugänge zum Leben von Menschen, die geographisch gesehen in derselben Stadt zuhause sein mögen, aber niemals in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Supermarktschlangen anzutreffen sind und auch sonst in einem ganz anderen Universum ohne die Zärtlichkeit des Berliner Pflasters leben. Chausseestraße 125 (Mitte), U-Bhf Naturkundemuseum
Samstagabend – Von den Penthäusern nochmal zurück ins Sub der Musikkultur: Zeitgenössische weibliche Komponistinnen sieht man in der Regel nicht als Role-Models von Plakaten lächeln oder an Fernsehtalkshows teilnehmen. Und leider liest man ihre Namen nur selten in den Programmen der Konzerthäuser. Dorothea Mader, Seyko Itoh und Shasta Ellenbogen sind drei, deren Stücke heute in den Räumen der ehemaligen „Kuranstalten Westend für Nervenkranke“ Ulme35, aufgeführt werden. Ulmenallee 35, U-Bhf Neu-Westend, Eintritt: 10 Euro.
Sonntagmorgen – Wie war das mit der Subkultur und dem Kapitalismus? Wer auf der Suche nach dem besonderen Geschenk in den Malls und Märkten nicht fündig wird, könnte in Oberschöneweide sein Glück finden – und das seiner Nächsten. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude 83 des Transformatorenwerks Oberspree in der Wilhelminenhofstraße 83 arbeiten nämlich über 40 bildende Künstlerinnen, Grafiker und Designerinnen, bekannt als XTRO, die heute nicht nur gesprächig ihre Ateliertüren öffnen, sondern auch das ein oder andere Unikat zur allgemeinen Glückssteigerung feilbieten.
Sonntagmittag – In der Tschechoslowakei tritt der Ministerpräsident Ladislav Adamec zurück – weniger aus Nächstenliebe als wegen der Unruhen im Land. In Bulgarien wird die „Union der Demokratischen Kräfte“ vom Dissidenten Schelju Schelew gegründet und zugleich ist in Berlin die Abschaffung der Stasi bereits im vollen Gange. Heute, 30 Jahre später, dient Haus 7 der ehemaligen Stasizentrale zur Ausstellung, bietet Diskussionsrunden und einer Buchpräsentation eine Bühne. Dissidententum und das umgesetzte wie gedämpfte revolutionäre Potenzial der Wiedervereinigung stehen im Mittelpunkt des künstlerischen Programms. Ab 15 Uhr in der Ruschestraße 103 (Lichtenberg), U-Bhf Magdalenenstraße.
Sonntagabend – In vielen Teilen der Stadt sind sie kaum noch anzutreffen, organisieren sich an geheimen Treffpunkten wie Parks und Lokalen und leben als radikale Frühaufsteher ohne Verpflichtungen antizyklisch zum Mainstream: Längst sind auch Seniorinnen und Senioren in weiten Teilen der Stadt als Subkultur anzusehen. Und das nicht selten wider Willen. Daran, dass es nicht zwingend so sein muss, erinnert die georgische Künstlerin Sophia Tabatadze mit dem von ihr initiierten „Grandmother Film Festival“ in der privaten Multifunktionsbibliothek „The Word“. Schon seit Freitag werden hier Filme und Kurzfilme zwischen 42 Sekunden und etwa eineinhalb Stunden Dauer gezeigt, die sich mehr oder minder direkt mit den Rollen von Großmüttern in verschiedenen Kulturen und Zeiten auseinandersetzen. 15, 17 und 19 Uhr, Neue Kulmer Straße 2 (Schöneberg), U-Bhf Kleistpark
Mein Wochenende mit
Autorin Bini Adamczak und Künstlerin/ Regisseurin Konstanze Schmitt haben mit der Dramaturgin Karolin Nedelmann ein Stück über das Verhältnis von Liebe und Kapitalismus auf die Bühne des HAU3 gebracht. „Everybody Needs Only You“ ist seit Wochen ausverkauft.
Konstanze Schmitt: „Auf die Woche intensiver Proben folgt am Freitag die Premiere, Samstag dann die zweite Vorstellung, am Sonntag die dritte und vierte….“ Bini Adamczak: „...und wir haben natürlich fest vor, zu allen Vorstellungen zu erscheinen, um zu sehen, wie sich das Stück entwickelt. Vielleicht das ein oder andere Gespräch mit Besucherinnen zu führen.“ KS: „Das Stück beruht auf Texten und Textfragmenten von Bini Adamczak. Thema ist die Liebe in Zeiten des Kapitalismus, genauer: das allerorten zu findende Versprechen, in der Beschaulichkeit von Zweierbeziehungen alle Sehnsüchte befriedigen zu können, die eine Gesellschaft erst schafft, in der sich jeder selbst der nächste ist.“ BA: „Alexandra Kollontai hat sinngemäß geschrieben, dass die Flucht in die Zweisamkeit umso geringer wird, je zärtlicher und enger die sozialen Beziehungen sind – darin wäre ein Gegenentwurf zu sehen.“ KS: „Apropos Gegenentwürfe: Hätte ich keine Karte für unsere Show, würde ich den Sonntag in der Ausstellung zu Dissidentinnen und widerständigen Körpern von Elske Rosenfeld im ehemaligen Stasi-Turnsaal verbringen.“ BA: „Auch die Premiere am DT von 'Zu der Zeit der Königinmutter', unter anderem mit Kara Schröder, wäre hypothetisch eine Alternative. Tatsächlich ist es aber jederzeit möglich, dass ich kurzfristig zu einem Treffen in die Lause muss – seit drei Jahren kämpft unsere Hausgemeinschaft um ihre Zukunft und gegen den Ausverkauf des Hauses.“
Leseempfehlungen
Wer oben im „Wochenende mit...“ über das Alexandra Kollontai-Zitat gestolpert ist und gern mehr wüsste, findet im Sammelband Utopie und Feminismus, herausgegeben von Annemie Vanackere und Sarah Reimann, den Kontext. In Texten verschiedener Autorinnen, wird ein Jahrhundert des Wandels von Utopien der Gleichheit behandelt. Historischer Ausgangspunkt ist die Oktoberrevolution, literarischer eben die Texte der Schriftstellerin, Dissidentin und vermeintlich ersten akkreditierten Diplomatin überhaupt Alexandra Kollontai. (192 Seiten, 18 Euro, Hardcover).
Berlin gilt nicht erst seit der BER-Nichteröffnung als Nachzüglerin. Während überall in der DDR die Stasi-Zentralen von der Bevölkerung eingenommen wurden, sollen die Ost-Berliner Revolutionäre noch eineinhalb Monate mit sich gehadert haben. Stasi-Forscher Christian Booß erzählt allerdings eine andere Variante der Geschichte, seinen Artikel über „Die unbekannte Auflösung der Stasi in Berlin“ finden Sie hier.
Wochenrätsel
Nach mehrjährigem Umbau der Karl-Marx-Allee verärgert Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) Mitte-Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD), weil auf dem Mittelstreifen nun doch keine Parkplätze erhalten bleiben sollen. Stattdessen plant sie
a) einen Fahrradweg.
b) einen Grünstreifen.
c) eine Fahrbahn für E-Scooter.
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Jetzt mitmachenEncore
Letzte Nacht in der U8: Da ist einer, der innerlich, also Kraft seiner Fantasie, Musik hört und dazu tanzt. Dann eine Gruppe offenkundig englischer Girls mit Sektflaschen, die sich angeregt unterhalten als wäre nichts. Aber es ist was, weil der eine, der innerlich Musik hört, über ihren Köpfen auf den Haltestangen tanzt — er hat sich da irgendwann hochgezogen und wickelt sich jetzt immer neu um diese Stangen. Wie in Zeitlupe, während drumherum alles in Normalzeit spielt. Sollte ich in den kommenden Wochen Heimweh verspüren, dann nach solchen Bildern. Bin dann nämlich mal zwecks Urlaub weg und freue mich auf die Wochenend-Ausgaben von Stefanie Golla und Jana Weiss.
Haben Sie schöne Feiertage und einen guten Rutsch, wir lesen uns im Januar wieder!